Wir kamen uns sehr raffiniert vor. 22 Uhr, da liegen doch alle schon in den Betten! Von wegen. Die Menschenschlange vor uns windet sich um das halbe Grand Palais herum, ihr Ende verschwindet im Dunkel der Pariser Nacht. Bevor die Kunstsammlung, die der Modeschöpfer Yves Saint Laurent und sein Lebensgefährte Pierre Bergé während vier Jahrzehnten zusammengekauft haben, versteigert wird, darf das Volk sie besichtigen. Eine Million Euro ließ das Auktionshaus Christie’s sich so viel Volksnähe kosten – bei schließlich 206 Millionen Erlös allein am ersten von drei Tagen Versteigerung ein Pappenstiel.

Endlich drin, lassen K. und ich uns von Menschenmassen vorantreiben. Es beginnt schlicht. Ein Doppelbett im Salon Jean-Michel Frank, einem von vierzehn Ausstellungsräumen. Die ersten Paravents, kniehoch. Wir fragen uns, wozu man kniehohe Paravents braucht. Nachttische. Eine hellblaue Schale von Alberto Giacometti, Schätzpreis 40.000 bis 60.000 Euro. Weitere Paravents. Ein mit Rochenleder bezogener kleiner Beistelltisch, 100.000 bis 150.000 Euro. K. und ich blicken einander erstmals verständnislos an.

Wir sind offensichtlich die Einzigen, die sich wundern. Yves Saint Laurent ist eine französische Institution, ein Heiliger. Würden die Menschen sonst zwei Stunden lang in der Kälte ausharren, um sich danach Gartenstühle aus Marmor mit einem Vogelschnabel auf der Rückseite anzusehen?

Wir gelangen in die Schatzkammer. Eine solche ließ sich Saint Laurent nach dem Vorbild der deutschen Kurfürsten in seiner Wohnung in der Rue de Babylone einrichten, um all seine, wie Christie’s es formuliert, "enthusiastisch gesammelten" Kameen, Schatullen, Schatüllchen, Pokale, Kerzenständer und Kreuze aufzubewahren. Die Menschen drängen sich um die Schaukästen, man kommt kaum ran. K. fragt einen Besucher, was er ersteigern würde. "Eines der Kreuze würde mir schon gefallen", sagt er.

Nach weiteren Kameen, Schatullen und Emailtellern erblicken wir eine Gruppe von zwölf winzigen Porträts deutscher Kaiser aus Elfenbein, Perlmutt, Diamanten und Rubinen, jedes auf seinem vergoldeten Bronze-Söckelchen, jeweils nur zehn Zentimeter hoch. In dem Moment, wo ich es denke, spricht K. es aus: "Die arme Putzfrau!"

Der Salon Lalanne soll das Musikzimmer nachbilden, ein automatisches Yamaha-Klavier klimpert per Computersteuerung Für Elise. Hier hängen 15 teils riesige, teils lediglich übermannshohe, von vergoldeten Bronzeästen umrankte Spiegel, eine Auftragsarbeit der Künstlerin Claude Lalanne, 700000 bis 1 Million Euro. Diese Angaben sind jeweils auf bodennah angebrachten Kärtchen abzulesen, die vor den meisten Objekten angebracht sind. Um sie entziffern zu können, verneigt sich das Publikum bandscheibenverachtend gen Fußboden, bei jedem Kärtchen aufs Neue. Japaner würden sich willkommen fühlen.