DIE ZEIT: Herr Couchepin, ist die Schweiz, so wie wir sie kennen, am Ende?

Pascal Couchepin: Nein, aber es ändert sich etwas. Die Schweiz ruhte bis jetzt auf drei Prinzipien. Erstens auf der Konsenspolitik, also der Integration der maßgeblichen politischen Kräfte und materiellen Interessen, was lange Verfahren mit sich bringt. Zweitens auf der Teilung in eine vornehmend protektionistische Innen- und eine wettbewerbsfreudige Außenwirtschaft. Drittens übte man in den internationalen Beziehungen große Zurückhaltung und zeigte protestantisches Wohlgefühl für die Menschheit, etwa mit dem Roten Kreuz.

ZEIT: Dann aber ist etwas passiert.

Couchepin: Genau. Es waren vor allem drei Ereignisse, welche die alte Schweiz infrage stellten. Die Europäische Union wurde Tatsache, auch wenn die meisten Schweizer Diplomaten immer dachten, dieses Projekt sei von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wir wollten da nicht mitmachen. Deshalb haben wir die Europäische Freihandelsassoziation (Efta) mitgegründet. Das war ein mächtiger Klub, heute sind da noch Island, Norwegen, Liechtenstein und wir versammelt, alles interessante Länder, aber keine großen Mächte. Zweitens verminderte die Globalisierung die Wichtigkeit der Schweiz, wir sind nicht bei den G20 dabei, obwohl wir dies, gemessen an unserer Finanzkraft, sein müssten. Drittens bedeutete das Ende des Kalten Krieges, dass die Schweiz mit ihrer speziellen Lage und ihrem speziellen politischen System in den Fokus geriet, man griff uns an.

ZEIT: Man hat heute den Eindruck, die Schweiz sei ein Spielball anderer Mächte geworden.

Couchepin: So weit ist es noch nicht.

ZEIT: Warum eignet sich denn die Schweiz so gut als Angriffsfläche?