Ende Oktober 2008 wird in der Nähe von Heilbronn eine Krankenpflegerin tot aufgefunden, die Polizei vermutet Mord. In ihrem Auto entdecken die Fahnder eine DNA-Spur, die sie gut kennen. Sie stammt von der "Frau ohne Gesicht". In 15 Jahren ist ihr genetischer Fingerabdruck an fast 40 Tatorten aufgetaucht, in Süddeutschland, Österreich und Frankreich. Mal ging es um Diebstahl, mal um brutalen Raubüberfall – und in sieben Fällen um Mord, im April 2007 an einer Polizistin. Europaweit arbeiten über hundert Beamte an dem Fall, 300.000 Euro Belohnung sind ausgesetzt. Außer dem Geschlecht ist über das "Phantom von Heilbronn" fast nichts bekannt, weder Alter noch Aussehen oder Herkunft.

Das liegt auch an den deutschen Gesetzen. Die Genspuren könnten den Ermittlern eine Menge über die unbekannte Mörderin verraten. Denn Molekularbiologen dechiffrieren heutzutage den genetischen Code immer besser und finden so einiges über das Aussehen von Tatverdächtigen heraus. Doch das ist hierzulande verboten. Lediglich das Geschlecht darf aus einer Genspur ermittelt werden. Anders in den Niederlanden. Dort ist die Fahndung im Erbgut, das sogenannte DNA-Profiling, seit 2003 erlaubt.

Im Nachbarland hätte das Phantombild der Frau ohne Gesicht vielleicht schon Haare und Augen. "Wir können an einer DNA-Spur relativ gut ablesen, aus welchem Kontinent die Vorfahren des Spurenlegers kamen", sagt Manfred Kayser, Leiter der Abteilung für forensische Molekularbiologie an der Rotterdamer Erasmus-Universität. "Wir können blaue und braune Augen und rote Haare mit hoher Wahrscheinlichkeit bestimmen, an den anderen Farben arbeiten wir intensiv." Auch Körpergröße, Hautfarbe oder die Art der Haare dürften bald folgen. Detaillierter werde das Phantombild aus den DNA-Spuren allerdings in absehbarer Zeit nicht ausfallen, sagt Kayser, "die biologische Komplexität der Gesichtsformen und der Einfluss von Umweltfaktoren auf das Aussehen sind einfach zu groß".

Unweit von Kaysers Labor, in Leiden, arbeitet der Populationsgenetiker Peter de Knijff. Ohne ihn wäre Kayser, der aus Berlin stammt, wohl kaum in Rotterdam gelandet. De Knijff hat dafür gesorgt, dass Kaysers Forschungsfeld in den Niederlanden erwünscht ist. Ein Kriminalfall hat dort zum Umdenken geführt.

Im Mai 1999 war die 16-jährige Schülerin Marianne Vaatstra in der Nähe ihres friesischen Heimatortes Kollum vergewaltigt und ermordet worden. In der öffentlichen Meinung fiel der Verdacht schnell auf die Bewohner eines benachbarten Asylbewerberheims. Im Auftrag des Justizministeriums sollte de Knijff den genetischen Fingerabdruck in der Spermaspur ermitteln. Dabei konnte er zeigen, dass die DNA mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Westeuropäer stammt – und nicht von einem der damals in dem Heim untergebrachten asiatischen Asylbewerber. Diese Bestimmung der geografischen Herkunft war auch in den Niederlanden damals illegal. Doch statt zur Schließung von de Knijffs Labor führte die öffentliche Debatte zu einer Gesetzesänderung. Seitdem gehören die Niederlande neben den USA zu den wenigen Ländern, in denen die DNA-Untersuchung auf äußerlich sichtbare Merkmale und Abstammung für Fahndungszwecke gestattet ist.

Mit rund einer Million Euro im Jahr finanziert das niederländische Justizministerium jetzt Kaysers Forschungslabor. Mit seinen 15 Mitarbeitern sucht er nach genetischen Markern für persönliche Merkmale – eine mühselige Angelegenheit. Zunächst versuchten die Wissenschaftler, gezielt die Gene zu finden, die Augenfarbe oder Körpergröße direkt steuern. Ohne durchschlagenden Erfolg. "Vor zwei Jahren haben wir uns zu einem Schuss ins Blaue entschieden", sagt Kayser. Für mehrere Hundert Niederländer mit braunen beziehungsweise blauen Augen wurden auf gut Glück mehrere Hunderttausend Single Nucleotide Polymorphisms untersucht. Jeder dieser sogenannten Snips steht für eine genetische Variation. Mit statistischen Methoden lassen sich dann die Marker finden, die etwa mit der Augenfarbe korrelieren. Bei manchen menschlichen Merkmalen muss die Verteilung von Hunderten Markern berücksichtigt werden. Doch um blaue und braune Augen mit über achtzigprozentiger Wahrscheinlichkeit richtig vorherzusagen, reichten den Forschern am Ende drei. "Das war wie ein Lottogewinn", sagt Kayser.

Aber selbst wenn sich in den verstreuten Genschnipseln der Frau ohne Gesicht der Hinweis auf blaue Augen fände, so könnte sie dennoch eine andere Augenfarbe haben. Auch bei Haaren, Haut oder Körpergröße gibt es oft Veränderungen. Die Gene bewirken eine Disposition, und die Analyse dazu liefert immer nur Wahrscheinlichkeiten. Ob und wie stark sich eine Disposition im Leben ausprägt, hängt von der Umwelt ab.

Die Gene vom Tatort liefern nur ein verschwommenes Porträt

Noch größer sind die Unsicherheiten beim Versuch, ein bestimmtes Aussehen aus der geografischen Herkunft abzuleiten. Der Sohn eines Europäers und einer Afrikanerin beispielsweise erscheint bei der besten Untersuchungsmethode – sie beruht auf dem Y-Chromosom, dem männlichen Geschlechtschromosom – eindeutig als Europäer. Also ist der Gesuchte weiß? Kaum, der Sohn hat vermutlich eine dunkle Haut.