Als die pakistanische Regierung vor kurzem im Swat-Tal die Scharia, das islamische Religionsgesetz, als gültiges Recht einführte, löste das Entsetzen im Ausland aus. Dieser Schritt wird gleichgesetzt mit Talibanisierung. Tatsächlich fordern die pakistanischen Taliban die Einführung der Scharia und versuchten sie mit Waffengewalt durchzusetzen. Mehr als ein Jahr lang kämpfte die pakistanische Armee gegen die Taliban, ohne dass es ihr gelungen wäre, das Swat-Tal wieder unter ihre Kontrolle zu bringen. Schließlich bot sie den Taliban die Scharia an, wenn diese im Gegenzug ihre Kämpfe einstellten. Das wird im Kontext des Krieges weithin als Kapitulation vor dem Terror empfunden.

Bei genauerer Betrachtung allerdings erweist sich, dass die Sache mit der Scharia im Swat-Tal etwas differenziertere Begriffe als Sieg oder Niederlage verlangt. Pakistan steht seit 2001 aufseiten der USA im Kampf gegen den Terror. 2002 ließ die Regierung einen Mann namens Sufi Mohammed Khan im Swat-Tal verhaften. Er hatte 1992 die Tehrik-e-Nifaz-Shariah-Mohammadi (TNSM, Bewegung zur Einführung der Scharia) gegründet. Die Regierung schickte paramilitärische Truppen, um die TNSM zu bekämpfen. Nach der Verhaftung Sufi Mohammeds radikalisierte sich die Bewegung. Sein Schwiegersohn Maulana Fazlullah übernahm die Führung. Er verkündete über eine Radiostation den Dschihad und praktizierte ihn auf brutale Weise. Mehr als 1500 Menschen starben in den Kämpfen seit dem Juli 2007, Hunderttausende flüchteten. Fazlullah hatte im Namen der Scharia unter anderem angeordnet, dass Frauen ihre Arbeit aufgeben und zu Hause bleiben müssen. Er verbot Bildung für Mädchen, und seine Männer brannten Schulen nieder.

Als aber nun die Regierung im Swat-Tal die Scharia zuließ, brachen viele Menschen in Jubel aus. Warum? Weil sie zum einen hoffen, dass damit die grausamen Kämpfe ein Ende finden werden. Zum anderen haben die Behörden Sufi Mohammed, den historischen Führer der TNSM, freigelassen. Er vertritt eine – jedenfalls nach der Einigung mit der Regierung in Islamabad – mildere Variante der Scharia als sein Schwiegersohn. Sie sieht keine Enthauptungen vor, keine abgehackten Hände, kein Arbeitsverbot für Frauen und auch nicht das Verbot zu studieren. Alles in allem ist Sufi Mohammeds Scharia vom Paschthunwali, dem Stammesrecht der Paschtunen, durchwirkt. Dabei handelt es sich gewiss nicht um ein rechtsstaatliches System im westlichen Sinne, doch gibt es den Menschen zumindest eine Form von nachvollziehbarer, akzeptierter und wirksamer Rechtsprechung.

Islamische Gerichte sind in Somalia die einzige Ordnungsmacht

Das ist sehr viel in einem Land, in dem die einfachen Menschen Opfer von Willkür sind, gegen die sie sich praktisch nicht wehren können. Pakistaner, die vor einem staatlichen Gericht klagen, kommen so gut wie nie zu ihrem Recht – es sei denn, sie verfügen über viel Geld. Die Scharia, von der jetzt im Swat-Tal die Rede ist, soll aber vor allem das garantieren: dass die Menschen zu ihrem Recht kommen, schnell, billig und effizient. Letztlich füllt die Scharia das Vakuum, das der Staat aufgrund von Korruption und Inkompetenz nicht füllen will. Oder nicht füllen kann, weil er gar nicht mehr existiert.

Noch ein anderes Land hat gerade durch die "Einführung" der Scharia Schlagzeilen gemacht: Somalia. Sheik Sharif Achmed heißt der Verantwortliche. Somalias neuer Präsident, frisch gewählt von einem Übergangsparlament, das aus Sicherheitsgründen in Dschibuti tagen muss, gilt als Hoffnungsträger der internationalen Gemeinschaft. Nun hat er, so scheint es, seinen Ruf als "gemäßigter Islamist" schon wieder verspielt. Dabei hat Achmed lediglich verkündet, was in Somalia gängige Praxis ist. In einem Land, das wie kein zweites von Krieg zerstört worden ist, sind lokale Scharia-Gerichte seit Jahren die einzige Ordnungsmacht.

Achmeds Amtsantritt ist von den Menschen in Mogadischu mit Jubel begrüßt worden. Mitte 2006 stand er an der Spitze der Union Islamischer Gerichtshöfe (UIC), einer Allianz aus islamistischen Milizen und Geschäftsleuten. Die Gerichtshöfe hatten in der Hauptstadt 15 Jahre Dauerterror durch Clanmilizen beendet, einen halbwegs geregelten Handelsverkehr ermöglicht und die Übertragung von Fußballspielen verboten. Letzteres musste sie nach Protesten rückgängig machen, doch unter anderem diese Aktion besiegelte in den USA und Europa das Urteil, bei der UIC handele es sich um eine somalische Variante der Taliban. Die Folge war eine von den USA unterstützte Militärinvasion des Nachbarlandes Äthiopien, der Sturz der UIC, ein Dauerkrieg mit Zehntausenden von Toten und der Vormarsch einer fanatischen islamistischen Jugendmiliz, der al-Schabab. Nun soll Achmed mit Amerikas Segen versuchen, in Somalia Staat zu machen und die Radikalislamisten einzudämmen, die ihm den Kampf angesagt haben. Seine Proklamation der Scharia war auch ein Beschwichtigungsangebot an die Extremisten.

Wie weit die Interpretation der Scharia auseinandergehen kann, zeigte Ende vergangenen Jahres der Fall eines vermutlich 13-jährigen Mädchens in der Hafenstadt Kismayo, das nach einer Vergewaltigung als "Ehebrecherin" gesteinigt wurde. Dem horrenden Urteil ging offenbar eine heftige Auseinandersetzung zwischen Ältesten des lokalen Scharia-Gerichts, die das Mädchen schützen wollten, und Schabab-Milizionären voraus. Die Auslegung der Scharia ist längst Teil eines Machtkampfs zwischen Moderaten und Extremisten. Ob Erstere ihn gewinnen werden, ist fraglich. Bis jetzt gibt es nicht einmal eine stabile Waffenruhe.