Heiligabend, kurz nach 17 Uhr, die Kölner Innenstadt ist wie ausgestorben. Kirchenglocken läuten, aber mir ist alles andere als weihnachtlich zumute. Der Pförtner in Kölns ältestem Nachtasyl, dem Johanneshaus in der Annostraße, wirft mir einen abschätzigen Blick zu. Vielleicht habe ich etwas übertrieben mit meiner Kleidung: Die zerschlissene, zehn Jahre alte Hose habe ich zusätzlich mit Löchern versehen und eine Jacke aus der Kleidersammlung an einigen Stellen zerfetzt. Die klobigen, verschmutzten Schuhe sind die Arbeitsschuhe aus meiner Zeit als türkischer Arbeiter "Ali" bei Thyssen in den achtziger Jahren. Eine Hornbrille aus meiner Jugendzeit hilft mir bei der Verfremdung. Ich trage eine alte Reisetasche mit zusammengerollter Isomatte bei mir und einen Rucksack. Mein Ausweis ist von einem Freund entliehen. Ich lernte ihn kennen, nachdem mir jemand erzählt hatte, es gebe einen Doppelgänger, der ständig mit mir verwechselt werde. Er tat mir den Gefallen, sich beim Einwohnermeldeamt wohnungslos zu melden. Dort bekam er einen Aufkleber auf die Rückseite des Personalausweises: "Ohne festen Wohnsitz".
Gesellschaft: Wie leben Obdachlose in Deutschland?
Günter Wallraff auf Recherche in den kältesten Tagen dieses Winters.