Heiligabend, kurz nach 17 Uhr, die Kölner Innenstadt ist wie ausgestorben. Kirchenglocken läuten, aber mir ist alles andere als weihnachtlich zumute. Der Pförtner in Kölns ältestem Nachtasyl, dem Johanneshaus in der Annostraße, wirft mir einen abschätzigen Blick zu. Vielleicht habe ich etwas übertrieben mit meiner Kleidung: Die zerschlissene, zehn Jahre alte Hose habe ich zusätzlich mit Löchern versehen und eine Jacke aus der Kleidersammlung an einigen Stellen zerfetzt. Die klobigen, verschmutzten Schuhe sind die Arbeitsschuhe aus meiner Zeit als türkischer Arbeiter "Ali" bei Thyssen in den achtziger Jahren. Eine Hornbrille aus meiner Jugendzeit hilft mir bei der Verfremdung. Ich trage eine alte Reisetasche mit zusammengerollter Isomatte bei mir und einen Rucksack. Mein Ausweis ist von einem Freund entliehen. Ich lernte ihn kennen, nachdem mir jemand erzählt hatte, es gebe einen Doppelgänger, der ständig mit mir verwechselt werde. Er tat mir den Gefallen, sich beim Einwohnermeldeamt wohnungslos zu melden. Dort bekam er einen Aufkleber auf die Rückseite des Personalausweises: "Ohne festen Wohnsitz".

Auch der Notfall hat seine Regeln. Die Bürokratie, das werde ich in nächster Zeit oft zu spüren bekommen, macht einem das Leben auch dann noch schwer, wenn man am Rande der Gesellschaft angekommen ist.

Wieder einmal begebe ich mich also auf eine Reise nach ganz unten, diesmal nicht in die Arbeitswelt, sondern in die Welt derer, die schon längst keine Arbeit und keine Wohnung mehr haben. In Zeiten der Krise, da die Angst vor dem sozialen Abstieg umgeht, sehe ich mich bei denen um, die nichts mehr zu verlieren haben.

Die Zahl der Obdachlosen in Deutschland wird auf 300.000 geschätzt, bis zu 30.000 Menschen leben auf der Straße, ohne in einer Statistik aufzutauchen. Ich will versuchen, ihren Alltag kennenzulernen. Ich werde mich in den nächsten Monaten immer wieder in Obdachlosenunterkünften einquartieren, in Köln, Frankfurt, Hannover und anderswo. Die kältesten Nächte dieses Winters werde ich im Freien verbringen.

Im Johanneshaus ist ein etwa Zwanzigjähriger vor mir dran. Er kann sich kaum artikulieren, wirkt wie unter Drogen und lässt sich vom Mann an der Pforte widerstandslos hinauskomplimentieren: "Raus mit dir! Geh mit Gott, aber geh!" Mir gewährt der Pförtner Einlass: "Anmeldung im ersten Stock."

Ich bin nicht der Einzige, der an diesem Feiertag hier unterkommen will. Auf dem schmalen Gang sitzen oder stehen noch sechs andere. Sie tragen ihr Hab und Gut im Rucksack oder in einer Tasche bei sich und lassen es nicht aus den Augen. In der Annostraße, das hatte mir ein Obdachloser erzählt, müsse man alles "festnageln", sonst werde es geklaut.

Bei der Aufnahmeprozedur starrt der Angestellte auf das Foto im Ausweis meines Doppelgängers und sagt: "Kennen Sie den Wallraff?" Ich befürchte schon, enttarnt zu sein, und antworte unschuldig: "Nee, wer soll das sein?" Zum Glück wird der Mann von einem anderen Neuankömmling abgelenkt. Dann wendet er sich wieder mir zu, und ich sage, ich wolle für eine Nacht bleiben. Der Angestellte schüttelt den Kopf: "Das geht nur bei Ortsfremden." Ich verstehe nicht. Wenn er mich länger hier haben will, dann bleibe ich eben über die Weihnachtstage und feiere auch noch Neujahr hier. Das ist dem Mann aber wieder zu viel. "Na gut, ich drücke ein Auge zu", sagt er. "Das darf ich eigentlich nicht. Wer nur eine Nacht bleibt, gilt als Tourist. So sind die Regeln."

Aber die sind von Stadt zu Stadt verschieden und nicht leicht zu durchschauen. Offenbar kennen sie auch manche Angestellte nicht. Wer sich im Johanneshaus offiziell erkundigt, erfährt, dass es keine Mindestaufenthaltsdauer gibt. Allerdings ist der Aufenthalt begrenzt auf fünf Tage pro Monat, davon maximal drei Tage am Stück. An den übrigen Tagen muss man ein anderes Asyl aufsuchen. Oder im Freien schlafen.

Nun muss ich ein paar Fragen beantworten: "Wieso sind Sie wohnungslos?" – "Wo übernachtet in der letzten Zeit?" – "Wovon leben Sie?" Ich antworte, meine Frau hätte mich rausgeschmissen, geschlafen hätte ich draußen, und gelebt hätte ich vom Betteln. Der Angestellte tippt alles in den Computer ein. Dann bekomme ich einen Platz in einem Vierbettzimmer zugewiesen.

Einst war das Johanneshaus berüchtigt, man hole sich da die Krätze, Ungeziefer krieche durch die Räume. Auf den ersten Blick scheint es hier aber sauber zu sein, und man hat mir frische Bettwäsche gegeben. Es bleibt die Trostlosigkeit des kahlen Raumes mit seinen vier Betten, die Luft ist verqualmt und überhitzt.

Benno M., 31, ist mein Bettnachbar. Er hat sich vor zehn Jahren mit HIV infiziert. Die Krankheit ist ausgebrochen, heute lassen ihn die ständigen Schmerzen kaum mehr schlafen. Ich helfe ihm, sich aufzurichten. Mit tonloser Stimme erzählt er mir in dieser Nacht aus seinem Leben: "Gestern haben sie mich nach zwei Wochen aus dem Krankenhaus entlassen. Ich war nur am Husten, habe Blut gespuckt." Benno ist gelernter Friseur. Er arbeitete in Kölner Friseursalons zur Zufriedenheit der Kunden, bis er, wie er sagt, eine Stammkundin mit einer Bemerkung vergrätzt habe. Daraufhin sei ihm fristlos gekündigt worden. "Da begann mein Absturz. Arbeit verloren, konnte die Miete nicht mehr bezahlen. Rausgeklagt. Dann ein Jahr lang am Aachener Weiher im Freien gepennt." Bennos größter Wunsch: "Eine feste Bleibe, und wenn’s nur ein ganz kleines Zimmer ist." Er darf wie alle anderen erst von 18 Uhr an ins Obdachlosenheim und muss um 9 Uhr wieder raus. Dabei brauchte er eigentlich ständig Pflege und Betreuung. Aber die Plätze in den Einrichtungen sind rar, und jetzt sind erst mal Feiertage, die Ämter bleiben geschlossen. Benno wäre ohnehin überfordert, die notwendigen Behördengänge zu erledigen und die Anträge auszufüllen.

Am nächsten Tag mache ich mich auf zum Hauptbahnhof. In der Zeitung hatte ich gelesen, dass der Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) dort heute Obdachlose und Bedürftige mit Wildschweinbraten verköstigen wird. Ich reihe mich ein in die lange Schlange, die sich vor der Eingangstür des Sozialdienstes Katholischer Männer (SKM) gebildet hat. Nach fast zwei Stunden Wartezeit werde ich eingelassen.

Der Kölner Oberbürgermeister serviert zusammen mit seiner Frau das Drei-Gänge-Menü. Das Essen schmeckt. Die beiden sind ständig in Bewegung, man merkt ihnen an, dass diese christliche Geste von Herzen kommt. "Hat jeder sein Hauptgericht bekommen?", fragt der Bürgermeister. Dann reicht er mir den Nachtisch und schaut mich freundlich an dabei. Zum Glück erkennt er mich nicht, obwohl er mich vor nicht allzu langer Zeit bei einem Empfang getroffen hat. Ich nehme die Gelegenheit wahr und stelle ihm eine Frage. "Wie kommt es, dass in Köln die Heime oft überfüllt sind und immer wieder Menschen auf der Straße übernachten müssen?" Schramma weicht aus: "Eigentlich muss hier niemand wohnungslos sein, denn die Stadt hat doch so viele Angebote." Eine kühne These. Bei über 200 Menschen, die in Köln "Platte machen", und nicht mal 100 Betten in den Nachtasylen.

Dann wird er wieder weihnachtlich: "Ich möchte euch jetzt allen schöne Feiertage wünschen. Für jeden gibt’s noch eine Tüte mit schönen Sachen drin. Wem die Sachen nicht passen, der kann ja mit anderen tauschen." Mit Handschlag überreicht er mir eine Geschenktüte, gesponsert von einem großen Kaufhaus. Ich bedanke mich artig und ziehe eine edle schwarze Jeans von Pierre Cardin aus der Weihnachtstüte. Mehrfach preisreduziert, wie ich feststelle, zuletzt auf 25 Euro. Vielleicht liegt es an der Größe. "Size 66", da passen zwei meiner Sorte rein. Normalerweise trage ich Größe 32. Ich würde die Hose gern tauschen, aber es wird mir in den kommenden Wochen kein derart umfangreicher Obdachloser begegnen. Das Gebäck, das mir dann entgegenkrümelt, entsorge ich vorsichtshalber. Das Haltbarkeitsdatum liegt ein halbes Jahr zurück.

Einige Tage später will ich zum ersten Mal in meinem Leben auf der Straße schlafen. Auf der Suche nach einem Schlafplatz treffe ich gegen 21 Uhr vor dem Kölner Hauptbahnhof einen jungen Mann. Tränen laufen ihm übers Gesicht, er macht einen verwirrten Eindruck, zittert, kann sich kaum verständlich machen. Stockend berichtet er, dass er aus einem Heim für betreutes Wohnen weggelaufen sei, seit drei Tagen auf der Straße schlafe und ausgeraubt worden sei.

Ich hake ihn unter, wir suchen die Bahnhofspolizei auf, dort nennt er seinen Namen und sein Geburtsdatum. Der Polizist schaut in den Computer: "Also unter dem Namen ist er nicht gemeldet. Da können wir leider nichts machen." – "Aber er braucht dringend Hilfe", wende ich ein, "es ist Frost angesagt für diese Nacht." – "Sie können mit ihm ja mal zur Bahnhofsmission gehen", sagt der Polizist, "die sind für solche Fälle zuständig."

Am Gleis 1 finden wir die Bahnhofsmission und schauen durch die Fenster. Auf unser Klopfen öffnet ein Bärtiger die Fensterluke und mustert uns. Als ich nach einer Unterkunft für den Hilflosen frage, wird er ungehalten: "Was fragen Sie denn jetzt um diese Uhrzeit! Der Mann ist seit gestern hier und heute den ganzen Tag da herumgeturnt." – "Aber er kann unmöglich draußen schlafen. Da erfriert er noch." Der Diensthabende bleibt ungerührt. "Wenn er sich tagsüber nicht an die entsprechenden Stellen wendet, können wir jetzt auch nichts mehr machen." Er ist der Ansicht, die Polizei sei zuständig. Mein Hinweis, dass die uns eben zu ihm geschickt hat, interessiert ihn nicht. Der Mann beendet das Gespräch und schließt sein Fenster.

Ich gehe mit meinem Begleiter zum Sozialdienst Katholischer Männer, wo vor ein paar Tagen die Obdachlosen verköstigt wurden. Die Eingangstür ist verschlossen. Wir finden die Sprechanlage, tatsächlich antwortet jemand, eine Frauenstimme. Einlassen will sie uns zwar nicht, aber immerhin rückt sie eine Adresse raus. Im Notel in der Victoriastraße, einige Kilometer entfernt, kann der Mann wohl noch unterkommen.

Mittlerweile weht der Wind immer eisiger über den Bahnhofsvorplatz. Einige Reisende hasten zu den Taxis, eng in ihre Mäntel gehüllt. Es ist halb elf, um elf schließt das Heim. Ich begleite den Mann zum Taxistand. Die Adresse notiere ich auf einen Zettel und will ihn einem Taxifahrer reichen. Der weigert sich, den Mann zu befördern. Der zweite ebenso. Die dritte Taxifahrerin winkt auch ab. Da versuche ich es mit einem Trick. "Ich mache gerade einen Test für die Taxi-Innung", sage ich, "und überprüfe, ob die Fahrer ihre Beförderungspflicht ernst nehmen." Die Frau gibt nach und quittiert die 25 Euro, die ich im Voraus zahle.

Ich nehme meine Schlafplatzsuche wieder auf. Einige Geschäftseingänge in der größten Kölner Einkaufsstraße, der Hohen Straße, in der tagsüber Zehntausende shoppen, sind bereits bewohnt. Im Eingang eines Schuhgeschäfts hat sich ein jüngeres Paar in seine Schlafsäcke vergraben. Sie wollen mich hier nicht haben. Auch in anderen Schlafecken handele ich mir Platzverweise ein. Erst am Appellhofplatz, neben einem der Eingänge zum WDR, heißt man mich willkommen. Ein Grauhaariger mit weißem Vollbart starrt mich mit glasigen Augen an und hält mir eine Flasche als Willkommenstrunk hin. Ich lehne ab. Er knurrt und macht eine wegwerfende Handbewegung. Ein anderer Alter ergreift meine Hand und zieht mich zu sich herab.

"Du deutsch?", fragt er mich. – "Nicht direkt", antworte ich, "ich bin Internationalist." Bei meiner Antwort leuchten seine Augen, er umarmt mich und hält mir seinen Becher mit erbettelten Münzen hin. "Nimm, Bruder", sagt er und bietet mir seinen Schlafplatz über einem Gitter an, wo warme Luft aus dem WDR-Keller nach oben strömt. Im Vergleich zum Asphalt ist es hier fast wohlig warm. Ich lehne dankend ab und breite meine Isomatte seitlich von ihm unter einem grellen Licht aus, auf dem einzigen noch freien Platz.

Mir ist eisig kalt. Als ich irgendwann das Schnarchen meiner Nachbarn vernehme, falle auch ich in einen unruhigen Schlaf. Morgens gegen 6.30 Uhr kriecht die Kälte so richtig in meinen Schlafsack. Ich verabschiede mich von meinen ausgenüchterten Gastgebern. Sie starren mich an, als hätten sie mich noch nie gesehen.

An Silvester ziehe ich weiter nach Frankfurt, ins Containerdorf im Ostpark, eine der verrufeneren Unterkünfte in Deutschland. Es liegt in der Nähe des Bahndamms und ist eingezäunt. 40 bis 50 Container stehen hier dicht an dicht, zu zwei Stockwerken gestapelt. Es ist 22.30 Uhr, ein jüngerer Wachhabender registriert meine Personalien und weist mir einen Schlafplatz zu. Dort stehen zwei Doppelstockbetten in dem winzigen Raum, ein festgeschraubter Tisch, zwei Hocker für vier Personen. Ich komme mir vor wie in ein Schubfach gesteckt.

Da begebe ich mich lieber in die Kälte nach draußen. Ein hagerer 40-Jähriger gesellt sich zu mir. "Ich bin Thüringer", stellt er sich vor. Er habe 13 Jahre in Bayern in der Gastronomie gearbeitet. "Dann habe ich vier Monate wegen Geldschulden gesessen." – "Ist doch harmlos", beschwichtige ich. Das sieht er anders: "Meine Frau hat’s nicht verkraftet. Sie musste arbeiten und hat unser dreimonatiges Kind weggegeben zur Adoption." Er schluckt. "Ich werd nicht fertig damit, ich will mein Kind wiederhaben."

In der Ferne ist ein Feuerwerk zu sehen, uns ist nicht danach, dem anderen ein "frohes neues Jahr" zu wünschen. Es würde wie Hohn klingen. Eine halbe Stunde nach Mitternacht gehe ich in meinen Container. Ich zwänge mich auf mein Hochbett und schlafe bald ein. Nachts träume ich, dass ich auf den Gleisen liege und ein Zug auf mich zurast. Ich schrecke auf und höre nun wirklich einen donnernden Zug. Er rauscht dicht neben den Containern vorbei.

Zurück in Köln, die Stadt erlebt ihre kältesten Nächte. Die Zeitungen berichten, in Deutschland seien bereits zwei Menschen auf der Straße erfroren. Für heute sind bis minus 20 Grad angekündigt. Ich plane meine zweite Nacht im Freien. Köln, so höre ich, will es anderen Städten gleichtun und Leute, die im Freien übernachten, einsammeln und in Wärmenotquartieren unterbringen.

Draußen ist von dieser Samariteraktion nichts zu spüren. Gegen 23 Uhr zähle ich allein in Bahnhofs- und Domnähe über ein Dutzend Menschen, die sich unter Decken oder in Schlafsäcken der extremen Kälte aussetzen. Zu mir kommt in dieser Nacht jedenfalls keiner, der mich in eine Notunterkunft bringen will.

Dabei schlage auch ich mein Schlafquartier an sehr zentraler Stelle auf, hinter dem Hauptbahnhof, vor dem Obdachlosencafé Gulliver. Hier haben fünf Berber ihr Quartier bezogen. Sie kennen sich und leben wie eine Großfamilie. Der Älteste, Thomas, ist 61 und lässt mich gewähren, als ich mein Gelumpe zu einem Lager auszubreiten beginne. "Aber nur für eine Nacht", stellt er klar, "wir sind hier nur geduldet." Seine kräftige Nase gibt ihm einen entschiedenen Ausdruck, sein wallendes weißblondes Haar umrahmt sein Gesicht würdevoll. Aber die Augen! Rot gerändert, matt. Thomas ist gesundheitlich angeschlagen, sein ständiges Husten geht in ein Röcheln über. Er ist gelernter Maler und Putzer, seit 26 Jahren lebt er auf der Straße, ein echter Vagabund. Die Hände sind kräftig, geschmückt mit Ringen, eine Uhr am tätowierten Handgelenk. "Warum hast du deine Arbeit verloren?", frage ich. "Ich hab sie nicht verloren, ich habe selbst hingeschmissen. Ich bin Aussteiger", sagt er selbstbewusst. Er hat auf Baustellen in Frankfurt malocht, nicht schlecht verdient. "Aber das Arbeitsklima, der Stress, das Tempo haben mir nicht gefallen. Da hab ich gesagt: Feierabend!"

Er weist mir einen Schlafplatz direkt neben seinem "Stiefsohn" Matthias zu, der, an seinen Hund gekuschelt, an der Wand liegt. Matthias ist 30, hat rote Strähnen und ein paar geflochtene Zöpfe im Haar. "Ich nenne Thomas meinen Vater", sagt er, "weil ich mit ihm wahlverwandt bin und von ihm lernen kann." Matthias ist seit über zehn Jahren in ganz Deutschland unterwegs. Ursprünglich kommt er aus München, wo er in Heimen aufwuchs. Zwei Lehren hat er angefangen und wieder hingeschmissen. Auch er zieht die Straße den Notunterkünften vor.

Marco G., Anfang 40, ist der Schweigsamste in der Runde. Er gibt nur preis, dass er aus Berlin kommt und vor zwei Jahren "alles hinter sich gelassen" hat. Er wirkt in sich gekehrt, verfolgt aber, was wir miteinander reden. Schließlich sind wir alle müde, ich ziehe mir den Schlafsack bis übers Kinn, der Hund von Matthias knurrt und bellt, ich streichle ihn noch mal, da leckt er meine Hand. Ich fühle mich zwar aufgehoben in dieser Gemeinschaft, aber ich habe Angst vor der Nacht, vor der Kälte. Vor den Geschichten, dass Menschen gar nicht merken, wie der Frost sie holt, und nicht mehr aufwachen.

Die Kälte zieht in meinen Schlafsack, als wäre er ein Leichentuch. Wie ich später erfahre, bietet er nur bis null Grad ausreichend Schutz. Ich versuche mich bibbernd wachzuhalten und meine eisigen Zehen zu bewegen. Gegen drei Uhr falle ich dann doch in den Schlaf und werde erst morgens gegen sieben Uhr steif und zitternd wieder wach. Aber ich habe Glück gehabt: Von einem schweren Schnupfen abgesehen, habe ich die Nacht bei minus 15 Grad unbeschadet überstanden.

Marco, der Schweigsame, das erfahre ich zwei Wochen später, ist nach weiteren Kältenächten eines Morgens plötzlich tot zusammengebrochen. Wahrscheinlich vor Entkräftung.

Da den Behörden Angehörige nicht bekannt waren, wird ein Begräbnis in einem anonymen Armengrab angeordnet. Aber offenbar haben sich die Behörden keine sonderliche Mühe gemacht, Marcos Angehörige ausfindig zu machen. Es wäre so einfach gewesen. Wie alle, die ihn vom Café Gulliver kannten, weiß ich, dass er aus Berlin stammt. Das Telefonbuch der Stadt nennt 31 Eintragungen unter seinem Nachnamen.

Ich will sie der Reihe nach anrufen. Bei der ersten Nummer meldet sich eine Frauenstimme. Ich frage, ob sie einen Marco G. kenne. Warum?, fragt sie zurück. Ohne weiter nachzudenken, erzähle ich: "Weil er vor 14 Tagen verstorben ist und ich ein Kumpel von ihm bin und nach Angehörigen suche."

Da höre ich, wie die Frau in Schluchzen ausbricht. Sie ist seine Mutter und hat ihren Sohn vor zwei Jahren das letzte Mal gesehen. Nach seinem Verschwinden hatte sie eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Erfolglos. An diesem Nachmittag spreche ich noch mit seinem Vater und mit seinem Bruder. Ich erfahre, dass Marco wohl in Zockerkreise geraten war, hohe Spielschulden hatte. Irgendwann brach er schließlich alle Brücken hinter sich ab und wählte das anonyme Leben auf der Straße. Sein Bruder bedankt sich bei mir. Er erreicht, dass Marcos Leiche, die wegen der Obduktion noch nicht beigesetzt wurde, nach Berlin überführt wird. Dort wird er im Familiengrab bestattet.

Ich ziehe weiter nach Hannover, zu einem kolossalen Betonklotz in der Innenstadt. Als ich die schwere Stahltür am Eingang aufstoße, überkommt mich ein beklemmendes Gefühl. Der Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg ist fensterlos, die Luft stickig.

Die Notschlafstelle der Stadt Hannover ist eine letzte Zuflucht für Menschen, die fast alle Hoffnung aufgegeben haben. Es ist ein Freitag im Februar, kurz vor 23 Uhr, die letzte Möglichkeit, eingelassen zu werden. Ruppig notiert der Bunkerwart meine Personalien und weist mir meinen Schlafplatz zu. Ich kann mich nicht recht orientieren, es ist finster, die Schlafräume, die links und rechts des Ganges abgehen, haben keine Türen, Stoffvorhänge sollen so etwas wie Privatheit schaffen. Vier eiserne Bettgestelle stehen in dem Raum, ich suche mir eines aus. Es ist Mitternacht. Kaum bin ich eingeschlafen, dröhnt aus dem Schlafraum gegenüber laute Musik. Nach einer Viertelstunde pelle ich mich aus meinem Schlafsack. Ich trete auf den Gang, räuspere mich vor dem Vorhang meines Nachbarn. Als ich eine belegte Stimme sagen höre: "Was willste?", schiebe ich den Vorhang zur Seite.

Mein Nachbar ist allein im Raum. Der Mann von kräftiger Statur, vielleicht Ende 30, sitzt angezogen an einem Tisch und hat ein Messer neben sich liegen. "Entschuldige bitte", sage ich betont freundlich, "kannst du vielleicht dein Radio ein bisschen leiser stellen? Ich bin direkt gegenüber und kann nicht schlafen." Er schaut mich herausfordernd an: "Sieh mal an, du kannst nicht schlafen!" – "So ist es", sage ich. "Du kannst ja weiter deine Musik hören. Nur ein bisschen leiser, bitte. Schaffst du das?!" – "Schaff ich", antwortet er, "für dich aber nicht." – "Das weiß ich zu schätzen", ignoriere ich seinen Affront, wünsche ihm "Gute Nacht" und verkrieche mich wieder in meinen Schlafsack.

Die Musik plärrt weiter, und ich höre, wie er sich, laut vor sich hin monologisierend, in Gewaltfantasien steigert: "Schieß dir in die Schädeldecke!… Ich hab die Schnauze voll!… Dem hab ich so ins Maul getreten, ist seit zwei Wochen schon im Krankenhaus…" Irgendwann merke ich, wie er seine verbalen Gewaltausbrüche immer deutlicher an mich richtet: "Kann nicht schlafen", äfft er mich nach. "Einen in die Schnauze hauen, dann kann er schlafen. Erschießen! Erstechen am besten! Ich geh mal zu dem Penner rüber."

Eigentlich bin ich kein ängstlicher Mensch, aber meine Situation mit Angst zu umschreiben wäre untertrieben. Ich steigere mich in eine Art Panik hinein. Es ist wohl die blitzartige Erinnerung an überstandene Gefahren, die mich endlich aus der Erstarrung löst. Ich stehe auf, nehme meine Schuhe in die Hand und schleiche auf Zehenspitzen an dem Vorhang meines bedrohlichen Nachbarn vorbei. Nichts wie raus, und wenn es draußen minus 20 Grad sein sollten! Ich stehe vor der Eingangstür aus Stahl und rüttle daran. Sie ist verschlossen, mit einem Vorhängeschloss. Auch die Tür zur Pforte des Bunkerwarts ist abgeschlossen, auf mein Klopfen öffnet keiner.

Ich eile den Gang, der an den Schlafräumen vorbeiführt, entlang, schließlich finde ich eine Ecke hinter einem Vorhang, wo ich mich hinkauere. Mir ist, als ob die Luft immer stickiger würde. Wenn hier mal ein Schwelbrand ausbricht! Es reicht, wenn eine Matratze durch eine Zigarette in Brand gerät. Alle wären gefangen und würden an Rauchvergiftung krepieren. Mein Nachbar hat die Suche offenbar aufgegeben, und gegen drei Uhr nachts schlafe ich schließlich ein.

Als ich am nächsten Morgen den Bunkerwart darauf anspreche, dass ich mich bedroht gefühlt habe, und ihn frage, warum die Eingangstür verschlossen war, rechtfertigt er sich: "Wenn wir nicht abschließen, kann’s sein, dass morgens dein Zeug weg ist." Als ich weitere Fragen stelle, wird er ungehalten. "Was willst du, lass mich in Ruhe, willst du Messer in Rippe oder was?"

Draußen lerne ich einen anderen Schläfer aus dem Bunker kennen. Viktor, 57, ist abgemagert, sein Gesicht zerfurcht. Er habe seit drei Tagen nichts gegessen, sagt er. Ihn erwartet eine dreimonatige Gefängnisstrafe, weil er zum wiederholten Male schwarzgefahren ist. Viktor hat auch bessere Zeiten gesehen. Er hatte eine Transportfirma, vor ein paar Jahren verlor er seinen größten Kunden und konnte den Verlust nicht mehr kompensieren. Dann ging alles ziemlich schnell. Arbeitslos, Haus weg, Familie kaputt. "Ich war 30 Jahre verheiratet und habe eine Tochter und ein Enkelkind."

Ich überrede Viktor, mit mir zum Wohnungsamt zu gehen, und verspreche ihm, seine Geldbuße zu überweisen, damit er nicht ins Gefängnis muss. Für uns ist ein lässig gekleideter Mitarbeiter zuständig, auf den ersten Blick sieht er aus wie einer von uns. "Dann werdet ihr jetzt erst mal verarbeitet", sagt er und sucht nach einer "dauerhaften Lösung". Er blättert lange in einer Liste, dann scheint er fündig geworden zu sein und nennt uns ein Heim an Hannovers Stadtgrenze. "Drei Häuser, pro Haus ungefähr 40 Insassen. Da wollen viele gar nicht mehr weg, oder sie gehen erst mit den Füßen voran."

Ich solle ein paar Formulare unterschreiben, dann sei alles klar. Auch Viktors Daten trägt er ein, schiebt ihm ebenfalls die Formulare zur Unterschrift zu. Dann muntert er ihn auf: "Sie sehen so abgekämpft aus, fahren Sie besser mit Straßenbahn und Bus dahin. Miete kostet im Monat 159 Euro. Können Sie sich aber vom Arbeitsamt wiedergeben lassen."

Als ich zögere, die Formulare zu unterschreiben – eine Tbc-Untersuchung innerhalb der nächsten drei Tage wird verlangt und eine Abtretungserklärung, die regelt, dass das Arbeitsamt das Geld direkt an das Heim überweist –, sagt der Beamte: "Wenn Sie nicht unterschreiben, kommen Sie auch nicht mehr in den Bunker." Schließlich lenken Viktor und ich ein.

Eine Reihe von Behördengängen steht uns noch bevor, ich bezweifle, dass Viktor sich dabei alleine zurechtfinden würde. Aber nun machen wir uns mit den Formularen erst einmal auf die Reise. Nach einer Stunde U-Bahn- und Busfahrt stehen wir vor einem düsteren Gebäudekomplex, Schulenburger Landstraße 335. Eine Sozialarbeiterin nimmt erneut unsere Personalien auf. Wir reichen ihr unsere Papiere. Das Wichtigste ist die "Zuweisung einer Unterkunft wegen Obdachlosigkeit". Laut Bescheinigung wird mir ein Bettplatz zur Verfügung gestellt. Bis zum 04.02.2010.

So hätte ich jetzt vielleicht die Möglichkeit, einen Absprung aus der Obdachlosigkeit zu schaffen. Ich habe es bis hierher geschafft, mit viel Glück und dank meiner Hartnäckigkeit. Viele der Obdachlosen, die mir in den letzten Wochen begegnet sind, kommen erst gar nicht so weit. Wenn sie nicht an sich selbst scheitern, scheitern sie an der Bürokratie.

Viktor hat jetzt einen Platz in diesem Wohnheim. Am Rande der Stadt, weil Hannover wie andere Städte auch darauf bedacht ist, die City frei zu halten von Gestalten wie unsereins.

Am Dienstag, 10. März 2009, 23.00 Uhr, ist Günter Wallraff zu Gast in der Sendung "Menschen bei Maischberger" zum Thema: "Panik um den Job: Muss der Staat uns alle retten?"