Die Lehrer lassen ihre Gewerkschaftsmuskeln spielen. Die Postbeamten drohen mit Kampfmaßnahmen, wie das im Jargon der Funktionäre heißt, wenn diese um jeden Preis eine Innovation verhindern wollen. Lehrer sollen aufgrund von Budgetnöten zwei Stunden pro Woche länger unterrichten; unrentable Postfilialen sollen geschlossen werden, weil die letzte Monopolsparte demnächst fällt. Kommt nicht infrage, sagen die Herren von der Gewerkschaft bei alledem.

Es tut nichts zur Sache, ob eine Neuerung sinnvoll, notwendig oder gar unverzichtbar ist. Es geht den Gewerkschaftern ums Prinzip. Um das Prinzip Beton. Woraus dieses besteht, hat unlängst der Vertreter der Pflichtschullehrer, der Christgewerkschafter Walter Riegler, in einem Fernsehinterview unverblümt dem Land kundgetan: "Garantiert, absolut, hundertprozentig: NEIN!"

An solchen Prellbocksätzen prallen alle Argumente ab. Jedenfalls in öffentlichen und staatsnahen Unternehmen, wo die Betriebsratskaiser noch schalten und walten können, als wären alle Uhren vor vielen Jahren stehen geblieben, gilt jede Reform als Teufelszeug, ersonnen vom Klassenfeind, und sei der auch der eigene Parteivorsitzende.

An Lehrergewerkschaftern haben sich konservative und sozialdemokratische Minister stets die Zähne ausgebissen, an deren Kollegen von der Post ist noch jeder Generaldirektor gescheitert. Ähnlich verhält es sich bei der Bahn, im aufgeblähten Beamtenapparat und sogar bei den niedergelassenen Ärzten, die sich dank ihrer Kassenverträge ebenfalls in einen geschützten Bereich zurückziehen konnten. Überall werden Privilegien zu einem Menschenrecht überhöht, sind die tradierten Besitzstände vor allem dazu da, um bewahrt zu werden. Das herrschende Dogma lautet: Wenn sich nichts ändert, dann könne auch niemandem etwas passieren.

Wer in Österreich einen modernen Staat sehen möchte, ist gezwungen, das Millionenheer der Besitzstandswahrer auszublenden. Weil sich diese nicht bewegen, bewegt sich auch im Land so wenig, sind Strukturen verkrustet, ist etwa eine vernünftige Bundesstaatsreform unvorstellbar.

Allerdings leisten die Betongewerkschafter all jenen, die sie vertreten, schlechte Dienste. Sie sorgen mit ihrer Taktik lediglich dafür, dass Missstände bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag weitergeschleppt werden. Lehrer sollten beispielsweise andere Sorgen haben als die beiden zusätzlichen Unterrichtsstunden. Sie sollten eine Verbesserung ihrer erbärmlichen Arbeitsbedingungen verlangen. Sie sollten fordern, dass sich der Staat endlich energisch um die Probleme in den Schulen kümmert. Sie sollten dafür demonstrieren, dass das marode Bildungssystem modernisiert wird. Doch davor wird die Republik von veränderungsresistenten Gewerkschaftsfunktionären beschützt.