Justitia, die ja in der Regel zum Zeichen ihrer Objektivität mit Augenbinde dargestellt wird, kann mitunter ziemlich kurzsichtig sein. Dieser Eindruck musste jedenfalls entstehen, nachdem vergangene Woche einem deutschen Ministerpräsidenten, der auf seinem Skiurlaub die Pistenregeln missachtet und dadurch eine andere Skifahrerin in den Tod gerissen hatte, ein bemerkenswert kurzer Prozess gemacht wurde. Vielleicht sollte das schnelle Verfahren auch bloß eine kleine, zwischenstaatliche Gefälligkeit unter Parteifreunden sein, damit sich der CDU-Politiker rasch und unbelastet wieder seinem Wahlkampf widmen kann. Erstaunlich auch das Strafmaß: wohlfeile 33000 Euro. Wenn ein Pistenrowdy eine Mutter von vier Kindern ins Jenseits befördert, so waltet also deutlich größere Milde als beispielsweise bei einem Banküberfall. Keine Frage, ein Geldinstitut zu berauben, das durch die Dummheit seiner Manager in die Misere geraten ist, muss als schlimmes Verbrechen an der Allgemeinheit angesehen werden. Vielleicht war der Täter sogar ein undankbarer Osteuropäer, der die Bank um ihr letztes Erspartes brachte, weil er dachte, sich zurückholen zu können, was in den letzten Jahren seinem Heimatland durch die wundersamen Umverteilungsmechanismen der Globalisierung abgeknöpft worden war. Das schreit nach drakonischer Strafe. Was ist verglichen damit schon ein kleiner, dummer Skiunfall, dessen rasche juristische Abwicklung für ein Tourismusland nur von Vorteil sein kann?