Zwang zur Mutterschaft darf es nicht geben – Seite 1

Die Redaktion des ZEITmagazins hat Jörg Burgers Geschichte über Männer, die enttäuscht darüber sind, dass ihre Frauen die Schwangerschaft nicht ausgetragen haben (Nr. 8/09), mit dem berühmten stern- Cover vom 6. Juni 1971 aufgemacht, dem provokanten Bekenntnis der 374 Frauen: "Wir haben abgetrieben!" Auf der zweiten Seite erklären neun Männer: "Wir auch." Damit wird suggeriert, die Erzeuger befänden sich in einer vergleichbaren Lage. Und in der Unterzeile zum Titel heißt es dann: "Bis heute haben Männer zu dem Thema geschwiegen."

Jetzt reden sie also, die Männer. Und das ist auch gut so. Doch die Frauen, mit denen ich seit den siebziger Jahren über ihre Abtreibungen gesprochen habe, waren meist allein damit. Erschütternd allein. Sie sind in die Schweiz oder nach Holland gefahren, wenn sie das Geld hatten. Oder sie haben sich zur Engelmacherin geschlichen, wo sie nicht selten auch allein verblutet sind. Bis heute sterben weltweit jedes Jahr 70.000 Frauen an medizinisch unsachgemäßen, weil verbotenen Abtreibungen. Dem Vatikan sei Dank.

Es ist also zu begrüßen, wenn Männer sich mehr und mehr mitverantwortlich fühlen; wenn sie etwas über ihre Motive, Zweifel und Hoffnungen sagen. Aber was genau sagen sie? Von den elf Befragten geben zwei an, sie hätten damals von dieser Frau kein Kind gewollt. Neun sagen, die Frau habe die Entscheidung zur Abtreibung gegen ihren Willen getroffen, sie reagieren mit Enttäuschung oder Wut über Verlust, Liebesentzug, Machtlosigkeit. Einer der Männer spricht von "Tötung", für ihn sind also abtreibende Frauen Mörderinnen. Einer erzählt, wie er Strafanzeige gegen den Arzt stellte, der die Abtreibung vornahm. Zwei weitere sagen, dass sie sich ein Gesetz wünschen, nach dem der Erzeuger die schwangere Frau zum Austragen zwingen kann.

Nur in einem Fall fragt das ZEITmagazin auch die Frau nach ihrer Sicht der Dinge, im Fall des Ehepaares Thomas und Linda Schramm. Linda hat in den letzten sieben Jahren drei Kinder bekommen – und ist nun zum vierten Mal schwanger. Ungewollt. Man muss den Artikel schon sehr genau lesen, um zu verstehen: Schramms sind eben nicht "beide berufstätig", sondern Linda hatte jahrelang ausgesetzt, hat "gerade erst aufgehört zu stillen" und jobbt seit zwei Monaten wieder. Jetzt hat sie "nicht mehr die Kraft für ein weiteres Kind", weder seelisch noch körperlich. Nur zwischen den Zeilen erfahren wir, dass die Ehe bereits seit Längerem kriselt. Thomas schickt sich schließlich in die Entscheidung seiner Frau, wenn auch grollend. Bis heute wirft er ihr "Egoismus" vor und dass sie den Embryo "Zellhaufen" genannt habe.

Zwei von drei Frauen, die in Deutschland abtreiben, sind in Lindas Lage. Sie haben bereits ein Kind oder mehrere Kinder. Wer sollte das Recht haben, diesen Frauen das Austragen einer weiteren, ungewollten Schwangerschaft vorzuschreiben?! Und was wäre das für eine Beziehung, in der ein Mann eine Frau zum Austragen zwingt?!

Zwang zur Mutterschaft darf es nicht geben – Seite 2

Man muss gar nicht so weit gehen, daran zu erinnern, dass heute jeder zweite getrennt lebende Vater – rund 500.000! – den Unterhalt für das Kind gar nicht oder nur teilweise zahlt. Nein, der Zwang zur Mutterschaft ist unvereinbar mit der Menschenwürde und Selbstbestimmung der Frauen – und wäre eine unzumutbare Hypothek für das nicht gewollte Kind. Ein solcher Zwang ist übrigens völlig wirkungslos. Einziges Resultat sind schlechtes Gewissen und Demütigung – aber vielleicht geht es ja genau darum.

Selbst die Nazis haben es nicht einmal mit Androhung der Todesstrafe zu mehr Mutterkreuzen gebracht. Eine Frau, die nicht Mutter werden will, wird es nicht. Sie treibt ab: entweder illegal, gedemütigt und unter Lebensgefahr – oder legal und mit medizinischem Beistand. Denn, daran sei erinnert: Bei der ganzen Debatte geht es keineswegs um mehr oder weniger Abtreibungen; nicht darum, ob Frauen abtreiben, sondern nur darum, wie Frauen abtreiben.

Seitdem es das in den siebziger Jahren so hart erkämpfte Recht auf Abtreibung gibt, befinden sich die Zahlen im Sinkflug. Waren es 1971 noch geschätzte 400.000 Abtreibungen allein in der Bundesrepublik, so sind es heute gesamtdeutsch nur noch 114.000 im Jahr. Und es werden weniger. Was – davon bin ich zutiefst überzeugt! – in erster Linie der Frauenbewegung zu verdanken ist: dem Mehr an Aufklärung, Selbstständigkeit und Selbstbewusstsein von Frauen.

Und es ist genau darum ja auch kein Zufall, dass die katholischen Länder die höchsten Abtreibungszahlen haben. Da ist es nicht ohne Zynismus, dass in Deutschland jetzt ausgerechnet die christlichen "Lebensschützer" dazu drängen, die §218-Reform zurückzudrehen. Dabei hat Deutschland schon heute zusammen mit fundamental-christlichen Ländern wie Polen und Irland innerhalb der Europäischen Union das restriktivste Abtreibungsrecht (Länder wie Italien oder Frankreich haben die Fristenlösung: das uneingeschränkte Recht auf Abtreibung in den ersten drei Monaten).

Die aktuelle Debatte um die sogenannten Spätabtreibungen ist in Wahrheit ein Angriff auf die schon jetzt so halbherzige §218-Reform; betrieben von Leuten, die ihren persönlichen Glauben zum Gesetz machen wollen. Sie sind wieder in der Offensive und haben längst neue Bündnisse geknüpft: statt wie einst schwarz-schwarz jetzt gerne schwarz-grün-rot. Doch noch ist Deutschland kein Gottesstaat, sondern ein Rechtsstaat. Und noch ist die Entscheidung von Frauen und Männern für oder gegen eine Elternschaft Privatsache und kein Fall für das Strafrecht. Und so sollte es auch bleiben.