"Allet wird jut", so heißt eine Veranstaltung im Freizeitzentrum Gleisdreieck im thüringischen Waltershausen. Hier kommt, zwischen Bowlingbahn, Erlebnisbad und Eishalle, an diesem Samstag die CDU zusammen, um ihre Kandidatenliste für die Landtagswahl im Sommer aufzustellen.

Auch wenn "Allet wird jut" der Titel eines Kabarettprogramms ist und der Kabarettist erst auftritt, wenn die Christdemokraten das Freizeitzentrum längst verlassen haben – besser lässt sich kaum zusammenfassen, was die Thüringer CDU seit dem Skiunfall ihres Ministerpräsidenten Dieter Althaus auf der politischen Bühne inszeniert hat. Ginge es nach der Partei, wäre Waltershausen der Schlussakt. Denn dort wird sie Althaus zum Spitzenkandidaten wählen, nachdem er zuvor schriftlich erklärt hatte: "Ich trete an."

Dieter Althaus tritt an, aber er wird nicht auftreten. Der Mann, den die CDU am Wochenende als Hoffnungsträger feiern wird, versucht, 520 Kilometer entfernt, in einer Rehabilitationsklinik gesund zu werden. Der Mann, der als Wahlkämpfer 45 Prozent plus x holen soll, muss mit den Folgen einer schweren Hirnverletzung und der Schuld am Tod eines Menschen fertig werden. Der Mann, der ein Land regieren soll, bleibt im Verborgenen. Ein Phantom – allgegenwärtig und doch unsichtbar.

CDU-Landesgeschäftsführer Andreas Minschke ist für die Organisation des Wahlkampfs in Thüringen verantwortlich. Er ist ein routinierter, ein geschäftiger Mann. Und er ist genervt. "Das am Samstag ist ein rein formaler Akt, wir wählen die Landesliste und fertig. Wofür braucht es denn da bitte schön eine Videobotschaft?" Es ist die Frage, ob Dieter Althaus per Videokonferenz zugeschaltet werde, die Minschke in Rage versetzt hat. Es werde ein Grußwort des Ministerpräsidenten verlesen. "Schließlich ist die Veranstaltung eine Landesvertreterversammlung und kein Parteitag, bei dem es um politische Botschaften geht", raunzt Minschke ins Telefon.

Das stimmt so nicht. Und das weiß auch Andreas Minschke. Die Frage, wann und welches Bild sich die Öffentlichkeit von Dieter Althaus’ physischer und psychischer Verfassung machen kann, ist längst eine politische geworden. Dass es dazu kommen konnte, hat die Partei selbst zu verantworten.

Mit ihrem Verzicht auf einen Plan B hat sie ihren Wahlerfolg von einem Kriterium abhängig gemacht, das sie nicht beeinflussen kann und das mit politischem Handeln nichts zu tun hat – dem Gesundheitszustand ihres Ministerpräsidenten. Deswegen ist es nicht nur menschliche Anteilnahme, sondern auch Machtkalkül, wenn die Staatskanzlei Thüringen via Pressemitteilung verkündet, die Genesung des Ministerpräsidenten mache weiter Fortschritte. Oder wenn der CDU-Fraktionsvorsitzende Mike Mohring erzählt, er telefoniere regelmäßig mit Dieter Althaus und die Gespräche verliefen "uneingeschränkt gut".

Persönlich getroffen haben Althaus bisher allerdings nur seine Stellvertreterin Birgit Diezel und Staatskanzleichef Klaus Zeh. Sie waren am Wochenende in der Klinik, um mit ihm die Landesliste abzusprechen. "Er war gut vorbereitet und hatte vorher auch Unterlagen gelesen", hatte Diezel anschließend gesagt.

Offenbar ist der Thüringer CDU der Maßstab für die Realität abhanden gekommen: Dass Althaus fähig ist, Unterlagen zu lesen, mag, an der Schwere seiner Erkrankung gemessen, ein Erfolg sein. Gemessen an der Aufgabe, die ihn als Ministerpräsidenten erwartet, ist es eine Selbstverständlichkeit.