Grüne Kohle? Eigentlich ist das eine schlaue Dummheit, ein Widerspruch in sich: Kohle ist braun oder schwarz und auch nicht im übertragenen Sinne "grün" – Kohle ist dreckig und der schlimmste Klimaschädling überhaupt. "Die größte Gefahr für das Leben auf dem Planeten", behauptet der amerikanische Energieforscher James Hansen.

Um "grüne Kohle" aber geht es bei einem Gesetzentwurf, der am Mittwoch im Kabinett diskutiert wird und demnächst auch den Bundestag beschäftigen dürfte. Er verspricht, Kohlenutzung und Klimaschutz zusammenzubringen und die rechtliche Basis dafür zu schaffen, dass der dreckige Brennstoff in Deutschland auch weiter zur Stromerzeugung verwendet werden kann – nicht nur für ein paar Jahre, sondern für viele Jahrzehnte.

Das Gesetz regelt ein Verfahren, das unter dem sperrigen englischen Namen Carbon Dioxid Capture and Storage (CCS) bislang fast nur von Fachleuten, Industrievertretern und Umweltschützern diskutiert wurde, das aber über kurz oder lang auch in einer breiteren Öffentlichkeit zu heftigen Kontroversen führen dürfte. CCS heißt schlicht, das bei der Kohleverbrennung entstehende Klimagift CO2 aufzufangen, in Pipelines zu leiten und tief unter die Erdoberfläche zu verfrachten. Was aber im Erdinnern gespeichert wird, kann nicht in die Atmosphäre aufsteigen und dort für eine weitere Erderwärmung sorgen: Fertig ist der Klimaschutz.

Das theoretisch schlüssige Konzept hat ernst zu nehmende Befürworter. Der Weltklimarat hat sich ebenso für CCS ausgesprochen wie die Internationale Energieagentur; US-Präsident Barack Obama, der britische Premier Gordon Brown und Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel haben öffentlich dafür geworben. Im amerikanischen Konjunkturprogramm finden sich sogar 3,4 Milliarden Dollar, die zur Erforschung und Entwicklung der Technologie verwendet werden sollen.

Dafür gibt es gute Gründe. Kohle ist zwar nur der zweitwichtigste Energieträger der Welt, nach Öl. Aber sie ist alles andere als ein Brennstoff von gestern. Mit ihr erzeugt China 80 Prozent seines Stroms, in Indien sind es 70 Prozent, in den USA und Deutschland fast 50 Prozent. Prognosen sagen, dass in den nächsten 20 Jahren weltweit rund 3000 neue Kohlekraftwerke gebaut werden und sich damit der Weltkohleverbrauch annähernd verdoppeln wird. Der Energieträger wird in 70 Ländern der Erde abgebaut, und das heißt: Er macht viele Staaten unabhängiger von Öl und Gas. Das ist auch in Deutschland ein wichtiges Argument – erst recht in Zeiten, da regelmäßig Zweifel an der Zuverlässigkeit des Gaslieferanten Russland aufkommen.

Allerdings setzt schon ein modernes Steinkohlekraftwerk mit 1000 Megawatt Leistung jährlich mindestens sechs Millionen Tonnen CO2 frei – so viel, wie aus den Abgasen von zwei Millionen Autos stammt. Ältere Meiler oder Braunkohlekraftwerke, die Basis der Grundlastversorgung in Deutschland, sind noch erheblich dreckiger. Durch den Einsatz der Kohle die Energiesicherheit zu verbessern hat also bislang ein hohen Preis: Die Erdatmosphäre wird aufgeheizt.

CCS, so sagen seine Befürworter, biete einen Ausweg aus diesem Dilemma. Technisch – da haben sie Recht – ist die CO2-Abscheidung keine Hexerei. Auch das Klimagift über Pipelines zu transportieren ist beherrschbar; die Lagerstätten stehen zur Verfügung. Erste vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass etwa in Deutschland das 30- bis 60-Fache der jährlichen Emissionen des gesamten deutschen Kraftwerkparks unter der Erde vergraben werden könnten.