Dada kann jeder. So hieß einer der Grundsätze des Dadaismus, und einer, der diesem Grundsatz recht früh gefolgt ist, war Erwin Blumenfeld, 1897 in Berlin als Sohn eines jüdischen Schirmfabrikanten geboren. Viel später, in den vierziger und fünfziger Jahren, sollte Blumenfeld einer der berühmtesten Modefotografen der Welt werden, der Mann, der die meisten Vogue- Cover fotografiert hat. Doch zu Anfang des Jahrhunderts schnitt der gelernte Damenkonfektionär die Illustrierten noch auseinander, um sie dann als Rohmaterial für seine Kunst zu verwenden. Für Die letzte Warnung zum Beispiel: Im Hintergrund zusammengeklebte Fotos von Soldatenaufmärschen, ein Afrikaner in Uniform ist auch hineincollagiert. In der Mitte aber prangt groß Kaiser WilhelmII. mit Schnauz und Pickelhaube. Ein rotes "Da" und noch ein "Da" hat Blumenfeld dazugeschmuggelt. Und in die untere rechte Ecke dann das Wort: "Darmreinigungsmittel".

In einer sehenswerten Ausstellung im Museum Berlinische Galerie kann man diese weitgehend unbekannten "Dada-Montagen" Blumenfelds aus den Jahren 1916 bis 1933 nun bewundern – und dabei das kuriose Treiben einer zentralen Randfigur der damaligen Boheme nachverfolgen. Schon als 15-Jähriger hatte Blumenfeld mit seinen Freunden Walter Mehring und Paul Citroen die "Klicke" gegründet: Die Teenager schrieben und lasen einander das Geschriebene vor, sie fotografierten, schauspielerten und malten. Und es zog sie in das Café des Westens, den Treffpunkt der Avantgarde.

Kunst schien aus dem jungen Blumenfeld einfach nur so herauszusprudeln, er arbeitete auf jedem Papier, das ihm unter die Finger kam, die Formate waren klein. Seit 1923 benutzte er gern das Briefpapier der Fox Leather Company, dem von ihm gegründeten Ledertaschenladen in Amsterdam. Dorthin war er nach dem Ersten Weltkrieg gezogen, zu seiner Verlobten Lena Citroen, der er in Briefen näher gekommen war. Kurz nach dem ersten leibhaftigen Treffen schickte er seiner Lena ein abstraktes Aquarell als Liebesgabe: Runde Formen in Blau, Gelb und Rot umspielen einander, mischen sich, fransen zum Bildrand hin aus. Ein wenig erinnert das an Kandinsky oder Chagall, wären da nicht die drei Fotos der jungen Lena mit Kurzhaarfrisur und großen Augen, die der Autodidakt an den Rand und mitten in das bunte Ineinander geklebt hat.

Blumenfeld imitierte seine Vorbilder, er schrieb in strindbergscher Manier, zeichnete wie Picasso, collagierte wie Hannah Höch. Doch aus der anarchischen Mischung dieser Nachahmungen erwuchs oft etwas sehr Eigenes. Etwa die Montagen mit dem afroamerikanischen Boxer Jack Johnson: Auf einem der Blätter schlägt der starke schwarze Mann dem schmächtigen, mit einem Turnerhemd und einer schief sitzenden Zeitungsmütze bekleideten Adolf Hitler kräftig in den Magen.

Der Diktator sollte schließlich auch das Motiv von Blumenfelds wohl populärster Montagearbeit werden: In der Nacht der "Machtergreifung" 1933 geht Blumenfeld in sein Fotolabor und montiert in eine Hitlerfresse das Bild eines Totenkopfs. Millionenfach wurde dieses Bild später reproduziert und von den Alliierten als Flugblatt über deutschen Städten abgeworfen – behauptete zumindest Blumenfeld, der seiner Autobiografie den Untertitel Einbildungsroman gegeben hat.

Nach dem Konkurs seines Geschäfts zog es Blumenfeld nach Paris. Schon 1933 hatte er seinem Freund George Grosz mitgeteilt, dass er in Zukunft nur noch mit der Kamera arbeiten, eine Art dadaeske "Heil-Fotografie" betreiben wolle: "Analyse durch Entzifferung des eigenen Gesichts. Wenn mal jemand auf den Schwindel richtig reinsaust, ist damit mindestens so viel zu machen wie mit Krishnamurti oder Picasso." 1941 floh Erwin Blumenfeld dann weiter nach New York und bekam wenig später einen Vertrag bei Harper’s Bazaar. Nun verkaufte er keine Mode mehr, sondern fotografierte sie. Der Freund Grosz habe in New York seine Kunst verloren, schrieb Blumenfeld einmal. Aber auch ihm selbst kam dort die Kunst abhanden, es sprudelte nun nicht mehr einfach so. Das gute alte Dada-Prinzip war in Europa zurückgeblieben.

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