ZEITmagazin: Mister Chalayan, in einem Ihrer Kunstvideos spielt die Oscarpreisträgerin Tilda Swinton mit. Sie sagte über ihre Karriere in Hollywood, diese beinhalte "Industriespionage". Gilt das auch für Ihre Arbeit bei Puma?

Hussein Chalayan: Ein sehr schöner Vergleich! Tilda gilt ja trotz ihres Erfolges als Avantgarde-Schauspielerin. Wir haben uns oft darüber unterhalten, dass es mir im Designbereich so geht wie ihr im Filmbusiness. Es gibt die kommerzielle Seite meiner Arbeit und die künstlerische. Manchmal frage ich mich nur, warum das, was immer mit dem dummen Wort "Avantgarde" bezeichnet wird, nicht auch der Masse gefallen kann.

ZEITmagazin: Sie wollen nicht mehr nur der Künstler unter den Designern sein, Sie wollen, dass Ihre Kleider getragen werden.

Chalayan: Das ist doch das Größte, wenn man die eigenen Entwürfe an anderen Menschen sieht. Meine Kleider sollen nicht nur auf dem Catwalk oder im Museum zu sehen sein. 90 Prozent meiner Kollektion sind absolut tragbar, T-Shirts, Blusen und so weiter. Aber bekannt geworden bin ich vor allem für meine Modenschauen, und so komisch das klingt, das kann auch ein Hindernis sein. Die Leute denken, ich mache Tische, die sich in Kleider verwandeln…

ZEITmagazin: …einer Ihrer Entwürfe, der Sie zum britischen Designer des Jahres machte: Am Ende der Show stieg ein Model in einen hölzernen Couchtisch mit einem Loch in der Mitte und zog ihn nach oben, bis er sich zu einer Art Reifrock ausklappte.

Chalayan: Dieses verdammte Tischkleid! Das ist doch nur ein Teil meiner Arbeit.

ZEITmagazin: Sie sind ein Opfer Ihrer genialen Ideen.

Chalayan: Ja, so kann man das sagen. Genauso war es bei dem LED-Kleid.

ZEITmagazin: Ein Kleid mit Leuchtdioden unterm Stoff, die rote Strahlen aussenden.

Chalayan: Man spricht eher über jemanden, wenn man ihn auf ein oder zwei ungewöhnliche Sachen reduzieren kann. Aber damit verkauft man keine Kleider.

ZEITmagazin: Von Ihnen stammt der Satz: "Ich entwickle meine Ideen, und wenn sie niemand mag, bringt mich das trotzdem weiter." Wie kann man mit dieser Einstellung für eine kommerzielle Lifestyle-Marke arbeiten?

Chalayan: Wenn man in der Modebranche weiterkommen will, muss man nach größeren Partnern suchen. Für kleine Designer ist das Geschäft zu teuer. Ich musste ständig nach Sponsoren suchen, und manche meiner Entwürfe gingen nie in Produktion, weil das Geld fehlte. Die Zusammenarbeit mit Puma ist ein gegenseitiger Austausch: Sie investieren in meine Marke, und im Gegenzug bin ich ihr Kreativdirektor.

ZEITmagazin: Ihre eigene Firma hat im Moment rund 20 Angestellte, Puma hat weltweit 10.000 Mitarbeiter und rund 80 Designer. Sie werden nun einen Großteil Ihrer Unabhängigkeit aufgeben müssen.