Auf den Pyramid Club zusteuernd, sind wir erleichtert: keine Polizeihunde, keine Warteschlange. (Bei den "Trip and Go Naked"-Partys kam zuerst rein, wer sich draußen auszog.) Hinter der stählernen Tür, vorbei an vier Hells Angels, werden wir aufgesogen von einer dunkel zuckenden Masse. Die Sonntagnacht gehört den Whispers, in den frühen Achtzigern die schrägste Dragqueentruppe New Yorks. Im Vorprogramm: RuPaul-Videos und Ethyl Eichelberger mit seinem Einmann- Lear. Danach ein brachiales Interludium von DJ Fuckin-A. Gejohle, Pfiffe, Schreie – und spontane Verbrüderungen, als die Whispers auf die Bühne tippeln. Ihre Neo-Burlesque-Show heizt die Hysterie mit jeder Nummer mehr an. Und endet wie immer damit, dass die Transen auf dem Tresen hopsen: Tanz den Mussolini, Lust For Life, Hey Little Girl (klar, in der Dead-Boys-Version)… An Yellowman war da noch nicht zu denken.

Doch in jener Nacht hieß unsere Endstation nicht Mudd Club oder Tier 3, sondern The Reggae Lounge. Hier kam ohne Waffenkontrolle niemand rein, und das war damals selbst in Lower Manhattan ungewöhnlich. Durch einen Tunnel nähern wir uns dem rabenblauen Licht. Um uns herum hip-elegante Farbige. Und viel Rauch. Dazu der Gesang einer Sirene: soft, cool ’n’ easy. Im Halbdunkel ist kaum auszumachen, ob die Paare dort tanzen oder kopulieren. An Yellowman war da immer noch nicht zu denken.

Dann aber: Ladies and Gentlemen…! Angekündigt wird eine Ausnahmeerscheinung – nicht von ungefähr: Ein leptosomer Albino-Rasta hüpft wie aufgezogen ins Rampenlicht. ZUNGGUZUNGGUZUNGGUZENG! Wie ein Stromschlag fährt es in die Leiber. Wippende Köpfe, rudernde Arme. Stampfrhythmus und Sprechgesang entfalten ihre hypnotische Wirkung. Zungguzungguzungguzeng. Niemals zuvor und nie wieder danach hat man Noctambule derart außer sich gesehen. Und auch für uns ist dies a white moment – die Stunde der raren Entrückung.

Wer in Gottes Namen ist dieser Typ? Yellowman begann ganz – ganz – unten: Als Findelkind und, mehr noch, als Weißling war er in Jamaika ein Unberührbarer. Trotz dieses Stigmas avancierte er zum ersten Superstar der Dancehall-Ära. Nicht zuletzt dank genial obszöner, selbstironischer Texte, die seine unwiderstehlichen Körperreize anpreisen (Them Are Mad Over Me). Einen Zug ins Makabre bekam dies, als ein Kieferkrebsleiden ihn bös entstellte. Mit seinen forcierten Rhythmen und unerhörten Reimen wurde King Yellowman stilbildend. Als Wegbereiter von Dancehall und Toasting (dem jamaikanischen Vorläufer des Rap) beeinflusste er nicht nur den Sound seiner Heimatinsel, sondern auch die schwarze Popmusik insgesamt. So adaptierten etliche Hip-Hop-Häuptlinge, von Notorious B.I.G. bis Tupac Shakur, zumal seinen Zungguzunggu-Riddim.

Sieht ganz so aus, als wären wir damals, vor einem Vierteljahrhundert, im Mikrokosmos des East Village in jenen subkulturellen Urschlamm geraten, der unsere Clublandschaft bis heute formt. Etwa mit Hip-Hop, Ragga, D’n’B. – Und hörte man jüngst nicht auch hierzulande irgendwas von "New Burlesque"? 

"Zungguzungguguzungguzeng!" Greensleeves/Megaphon Importservice

Von Michael Kohtes erschien soeben "Va Banque. Über Glücksspieler und Spielerglück" (Transit Verlag)