Wäre Reigen ein Stück von heute, dann wäre es ein blutiges Stück: die Attacke einer Epidemie auf die Menschheit. Zu sehen wäre, wie sich ein Virus durch die Gesellschaft frisst und alle niederrafft. Denn im Reigen schläft die Dirne mit dem Soldaten, der Soldat mit dem Stubenmädchen, das Stubenmädchen mit dem jungen Herrn, der junge Herr mit der jungen Frau, die junge Frau mit dem Ehemann, der Ehemann mit dem süßen Mädel, das süße Mädel mit dem Dichter, der Dichter mit der Schauspielerin, die Schauspielerin mit dem Grafen und der Graf mit der Dirne. Und da uns heute eine solche Kette von Beischlafabenteuern, neudeutsch: Nummern, nicht mehr empört, müsste die Geschichte anders erzählt werden: als tödlicher Flächenbrand, als Ansteckungsthriller. Denn die Sexualität ist heute ja nicht mehr skandalös; skandalös ist nur noch der Tod, der sich mit ihr umhüllt.

Schnitzlers Reigen dagegen erreicht seine Wirkung dadurch, dass seine Figuren am Leben bleiben und, nachdem sie ihre Beischlafpartner betrogen haben, summend so weitermachen wie bisher. Als der Reigen im Jahr 1920 uraufgeführt wurde, entfachte gerade dieser geschäftsmäßige, abwinkende Umgang mit dem höchsten Gefühl einen dauerhaften Skandal.

Ist der Geschlechtsakt eine höhere Art der Konversation?

Von heute aus gesehen, erscheint Schnitzler als Meister der Dezenz: Seine zehn Szenen, die alle auf den Koitus zulaufen, zeigen den Akt gar nicht. Der Akt erscheint in ihnen vielmehr als Abstraktum, als ein Dunkelzustand, durch den alle hindurchmüssen und der alle voneinander trennt.

Schnitzler signalisiert im Text die körperliche Vereinigung mit einer Folge von Strichen, leeren Zeilen – ganz so, als setze für einen Moment die Sprache aus, als löse sich der Körper wütend vom Wort. Diese szenische Aussparung, dieser kurze Systemausfall verleiht der einzelnen Figur einen Rest von Tiefe und den Augenblickspaaren einen Hauch von wenigstens negativer Intimität, von gemeinsamem Schicksal.

Bei Michael Thalheimer auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters nun ist es, auch wenn kopuliert wird, immer krawallig laut, gemütlich und geschwätzig. Der Körper und die Sprache trennen sich nie, ja, es scheint vielmehr so, als fänden die Figuren erst im Koitus zur Sprache, einander reitend und verbissen beim Namen rufend. Ihnen fehlen auch jetzt nicht die Worte; in gewissem Sinn ist der Akt die Erfüllung aller Konversation.

Bei Schnitzler herrscht das Schema der Doppelbelichtung: Jede Figur sehen wir zweimal, den jungen Herrn beispielsweise erst intim mit dem Stubenmädchen und dann mit der jungen Bürgersfrau. So ist ein Klima allseitigen Verrats hergestellt (jeder verrät sowohl sich selbst als auch den Partner an die Lust von morgen). Und doppelt belichtet wirken die Figuren auch in jeder Szene: nämlich in der Gier vor und in kalter Ernüchterung nach dem Akt.