Wrist - Am 29. Oktober des vergangenen Jahres gegen 12 Uhr erreichte ein Ausläufer der Weltfinanzkrise ein weiß verputztes Einfamilienhaus mit verklinkerten Giebeln, das in einem kleinen Ort mit Namen Wrist in Schleswig-Holstein steht, in der Stellauer Straße 5b. In dem Haus wohnen Manuel Rosenkranz, 41, Werkzeugmacher, seine Frau Christina Rosenkranz, 40, Kinderpflegerin, und ihre Kinder Jonathan und Josephine, die 19 und 13 Jahre alt sind und beide das Gymnasium im nahe gelegenen Bad Bramstedt besuchen. Wer diese vier näher kennenlernt, der wird sie am Ende für eine in vieler Hinsicht besondere Familie halten. Wer sie aber nicht näher kennt, der könnte in ihnen eine normale Mittelschichtsfamilie sehen, der vor vier Monaten widerfahren ist, wovor sich in diesen Tagen Umfragen zufolge ein gutes Drittel der Deutschen fürchtet.

Der 29. Oktober war ein Mittwoch. Gegen 12 Uhr rief Manuel Rosenkranz seine Frau an und berichtete ihr, was er soeben von seinem Chef erfahren hatte: dass der Autozulieferer HWU in Hohenlockstedt, vormals Nier, bei dem er seit 20 Jahren arbeitet, pleite sei. Und dass er selbst am Ende des Jahres seinen Arbeitsplatz verlieren werde.

Bis dahin hatte sich niemand in der Familie Rosenkranz sonderlich für die Probleme der Weltwirtschaft interessiert. Nun waren diese Probleme zu ihren geworden.

Wie erleben die Deutschen diese Krise? Wie verändern sie sich, wie werden sie sie überstehen? Es gibt keine Antworten auf solche Fragen, weil diese globale Depression beispiellos ist. Aber das Schicksal einer Familie, die härter als die meisten von der Rezession getroffen wird, ist auch ein Indikator für den Zustand des Landes. Wie wird Familie Rosenkranz in Wrist, Schleswig-Holstein, durch die Krise kommen?

Manuel Rosenkranz ist ein hoch gewachsener Mann, der sich dennoch leicht, fast schwerelos bewegt. Seine bedächtig formulierten Sätze spricht er mit dem rollenden R seiner Heimat, des Westerwalds. Am auffälligsten aber ist sein Lächeln, ein leises Lächeln, als wisse er etwas, das sein Gegenüber nicht weiß. Er lächelt, wenn sein Kollege aus dem Betriebsrat über seinen früheren Arbeitgeber lospoltert, und auch wenn Manuel Rosenkranz etwas Trauriges sagt, verschwindet dieses Lächeln nicht. In den Tagen nach dem 29. Oktober hat Manuel Rosenkranz kaum noch gelächelt. "Wie ein gebrochener Mann" habe er gewirkt, sagt sein Sohn.

Familienrat bei den Rosenkranz’, es kommen schwierige Zeiten, sagen die Eltern. Manuel Rosenkranz träumt von leeren Fabrikhallen und davon, dass jemand seine Werkbank ausräumt, die Kinderzeichnungen, Arbeitskalender und Fachbücher, die sich dort im Laufe von 20 Jahren angesammelt haben. Jonathan, der im Frühjahr Abitur macht, fragt sich, ob dies das Ende seiner Studienpläne sein könnte. Josephine, die 13-Jährige, liegt nachts wach und sorgt sich um ihre Kaninchen.

Andererseits ist die Familie von Panik weit entfernt. "Wir jammern doch auf hohem Niveau", sagt Christina Rosenkranz. "Wir haben es warm, wir haben zu essen, wir haben ein Auto, und wenn wir eine Jeans brauchen, kaufen wir uns eine." Sie ist die Optimistin der Familie. "Manuel, der kann so viel ", sagt sie, und so hat er es auch von Freunden gehört: "Du findest doch sofort wieder was." Manuel Rosenkranz lächelt dazu, und vielleicht denkt er an seine Kollegen, die seit Anfang des Jahres auf Stellensuche sind, während er selbst zu einer kleinen Gruppe ehemaliger HWU-Arbeiter gehört, die noch bis zum Ende dieses Monats mit Restarbeiten beschäftigt werden. Sieben der 60 Arbeitslosen haben inzwischen neue Jobs gefunden.