Er ist ein großer Mann mit einem sehr weißen Gesicht. Die 74 Jahre seines Lebens haben ihn mit dem Körper eines Athleten ausgestattet und fast bis zur Zweimetermesslatte aufschießen lassen, dann haben sie, über die Zeit, von der Kraft wieder etwas hinweggemeißelt. Per Olov Enquist sieht schmal aus. Er geht fast vorsichtig. Er geht voraus durch die große Wohnung bis zum letzten Zimmer, dort beugt er sich dem Besuch mit diesem in sehr weiße Falten gelegten, beinahe traurig wirkenden, aber vor allem freundlich-sanften Gesicht zu und sagt: "Wie findest du meine neue Küche?"

Zur Erklärung. Vor Jahren, als wir uns zum ersten Mal trafen, in seiner Schreibwohnung in Stockholm-Södermalm, von der aus man über einen verschneiten Park schaute, durch den Fußgänger schwarze Linien spurten, und uns mit Tee niedergelassen hatten, eröffnete Enquist das Gespräch mit der Bemerkung, er müsse nun erklären, was er immer allen Gästen aus Deutschland erklären müsse. Dass man sich in Schweden duzt. In Schweden begegne man sich unter Gleichen. Es sei verpönt, Menschen zu erhöhen. So sind die Sozialdemokraten, könnte man denken, aber es ist natürlich auch ein zutiefst frommer Gedanke, der Vor-Gott-sind-alle-Menschen-gleich-Gedanke. Jedenfalls war es so zum Du gekommen in dem Gespräch mit Per Olov Enquist, der vielleicht der bedeutendste Schriftsteller Schwedens ist, wobei "vielleicht" eine Verbeugung ist vor den anderen großen Autoren Schwedens, gegenüber Lars Gustafsson oder Kerstin Ekman oder dem großen Lyriker Tomas Tranströmer. Im vergangenen Jahr hat Per Olov Enquist, der weltberühmte Autor von Lewis Reise und Kapitän Nemos Bibliothek, der Mann, der Das Buch von ›Blanche und Marie ‹ schrieb und Den Besuch des Leibarztes und viele andere Romane und Theaterstücke und politische Essays, nun hat er seine Autobiografie in Schweden veröffentlicht, und bis Weihnachten hatte sie über 100000 Leser gefunden. Jetzt erscheint Ein anderes Leben auf Deutsch, die Lebensgeschichte des Sohnes der Dorfschullehrerin Maja Enquist aus Hjoggböle in Västerbotten, Schweden.

Bitte, sag den Namen deines Dorfes! Er sagt: "Hijooogböööle."

Das Dorf Hjoggböle ist etwa 1000 Kilometer nördlich von Stockholm gelegen, und Enquist und seine Mutter wohnten einige Kilometer vom Dorf entfernt im Wald in einem grünen Haus aus Holz. Sie leben allein. Der Vater war gestorben, als das Kind ein halbes Jahr alt war. Enquist schreibt vom Schweigen in der Stille. In diesem Meer von Stille sieht man das Kind auf dem braunen Linoleumfußboden liegen und auf Butterbrotpapier eine Karte von Hjoggböle zeichnen, so verankert sich das Kind in Hjoggböle und in der Unermesslichkeit der Wälder. Da ist, im weiten Umkreis, nichts. Außer einem kleinen Hügel. Keine Bären, keine Elche, keine Furcht vor irgendetwas.

Warst du einsam als Kind? "Warum sollte Einsamkeit ein Problem sein?" Weil du keine Freunde hattest? "Niemand hatte dem Kind gesagt, dass es gut wäre, Freunde zu haben." Aber deine Mutter wirkt in diesem Buch so einsam, wart ihr euch nahe? "Sehr nahe." Wie nahe? "Meine Mutter ist die einzigartig wichtigste Person in meinem Leben." Du musstest weg von ihr? "Ja. Man kann ihr das nicht vorwerfen. Darin liegt ein Risiko, mit deiner starken intelligenten Mutter allein zu leben." Welches Risiko? "Sie war Witwe. Sie hatte nur mich. Sie hat versucht, mich zu formen." Sie hat dein Leben geplant? "Sie wollte, dass ich Priester werde. Vielleicht Bischof."

Habt ihr zusammen gelacht? "Aber ja!"

Alles fing so gut an, lautet der Refrain des Buches, wie konnte es dann so schlimm werden? Das ist das Leitmotiv des Buchs Ein anderes Leben, das von dem Leben des Jungen erzählt, den die Mutter Per-Ola genannt hatte und den der Sohn, der sich später Per Olov nennt, in seinem Buch als "Er" bezeichnet.

Ist es eine Autobiografie? "Es ist ein dokumentarischer Roman. Also es ist ein Buch, offensichtlich ist es ein Buch. Es ist über mich. In der dritten Person. Ich mogle nicht. Alles, was ich über mich schreibe, ist wahr. So, wie ich es erinnere. Und ich erinnere mich gut."

Es ist ein Drama in drei Akten. Die erzählte Lebensbahn weicht erst wenig und dann immer mutiger ab von der Sehnsuchtslinie der mütterlichen Lebensplanung, ähnlich wie das Kind auf dem Butterbrotpapier sich die Freiheit rausnahm, auf der Landkarte von Hjoggböle hier eine Linie des Geländes einer erdachten näher zu bringen, dort eine Grenze mutig hinauszuschieben auf neues Terrain.