In Akt zwei wird Enquist Sportler, ein Champion im Hochsprung, was ihn zu Wettkämpfen über Schwedens Grenzen lockt. Obwohl doch Sport im Kosmos der Mutter etwas ganz Verbotenes war, das nur gelegentlich wie ein Aufstöhnen aus vielen Männerkehlen vom Fußballplatz im Dorf zu ihnen drang. So vieles war Sünde, das Tanzen und das Theater wie auch das Dichten, "ich wusste, dass es Sünde war, zu dichten, weil es Sünde war, zu lügen", heißt es.

Seine Theaterstücke werden großartige Erfolge. Die Nacht der Tribaden ist das nach Strindberg meistgespielte Drama in Schweden. Enquist kann davon erzählen, wie es am Broadway inszeniert wird, eine sehr komische Geschichte übrigens. Seine Schriftstellerei führt ihn nach Berlin, wo er mit den "deutschen Monumenten" der Gruppe 47 diskutieren darf und die wilden 68er aus nächster Nähe erlebt, Ulrike Meinhof zum Beispiel, die er "brillant und mollig" nennt, mit dem aufmerksamen Blick eines Mannes, der die Frauen liebt und dreimal verheiratet war, mit selbstbewussten Frauen übrigens, wie er nicht ohne Stolz und wiederholt anmerkt, was ihn in ihrem Gefolge nach Paris führt, für drei Jahre, und nach Kopenhagen, für fünfzehn Jahre. Ob ich seine Frau Gunilla kenne? Ehemals Staatssekretärin im Kulturministerium, hier, ihr Buch zum neuen Feminismus! Die Linie seines Lebens steigt schwindelerregend hoch und stürzt dann, im dritten Akt, erst langsam, wie im Sinkflug, ganz steil ab. Er trinkt, was ja der Inbegriff von Sünde ist. Er trinkt viele Jahre, bis er endlich aus dieser Hölle entkommt, in ein neues Leben. Man möchte sagen, er wird erweckt zu einem neuen Leben.

Was bedeutet Ein anderes Leben? "Ich sage, dies ist mein Leben. Es hätte so anders verlaufen können." Du beichtest deine Sünden? Hättest du das Buch nicht Confessiones nennen können, wie Augustinus vor 1500 Jahren? Er grinst. Er steht auf und kommt wieder und legt wortlos die schwedische Ausgabe seines Buches auf den Tisch, Ett annat liv. Das Cover zeigt Enquist, mit gefalteten, wie betenden Händen.

Es wäre also leicht, zu sagen, dass sich Per-Ola von seiner Mutter und Hjoggböle entfernt hat, so weit es irgend ging. Aber wahr ist auch, dass er mit diesem Buch und im Leben wieder zurückgefunden hat, es ist, als hätte er sich in diesem Buch und im Leben einen Ort geschaffen, an dem sich die Themen seines Lebens verdichten. Wenn man in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch steht, der vor das Fenster gerückt ist, sieht man links neben dem Fenster ein Bild der Mutter, einer Frau von anrührender Schönheit. Rechts die Regale mit den vielen Enquist-Büchern, übersetzt in alle Sprachen der Welt, er zeigt sie mit Stolz, die Ernte eines Lebens, und spottet sofort über diesen Stolz, man soll sich ja nicht erheben. Geradeaus aber schaut man auf rostrote Holzhäuschen herunter, die sich an Felsbrocken krallen und zwischen denen Flieder und zerzauster Holunder dem Eisregen trotzen. Inmitten von Stockholm liegt diese Schar von Hütten aneinandergedrängt, es ist ein wenig so, als wäre Enquist, als er vor einiger Zeit seine Schreibwohnung verkaufte, um sich mit Gunilla eine Wohnung einzurichten für die letzte Etappe, als wären sie wieder zum Dorf gezogen. "Ach ja?", sagt er. Vom Zimmer nebenan sieht man über das Gelände der ehemaligen Schiffswerft Södra Varvet herunter, die bis 1907 betrieben wurde, von hier sieht man auf das Meer hinaus, das irgendwo an die Welt grenzt, in der Enquist lange Jahre verschwunden war, nach Berlin oder Kopenhagen oder Paris, aber jetzt eben zurückgekommen ist, an diesen Ort, wo sich die beiden Welten in einem Blick fassen lassen.

Du legst die Motive deines Lebens in deinen Büchern neu zusammen – die Frömmigkeit im Herzen der Arbeiterbewegung, die Wollust im Kern der bekennenden Frommen, die Versehrtheit des Menschen, die Schmerzpunkte des Lebens. Warum? Pause. "Weil es um diese eine existenzielle Frage geht: Wie passen die Dinge zusammen? Was ich meine, ich möchte sagen, ich habe einen Hund, einen ziemlich intelligenten Hund. Ein Schnauzer. Der Unterschied zwischen dem Hund und mir ist, dass er sich nie fragt, wie die Dinge zusammenpassen. Oder: Wohin geht es? Und: WARUMMMM?"

Seine Stimme ist dunkel. Er nimmt sich Zeit, bevor er redet und während er redet. Die Worte in seinem Mund werden weich gekaut, sie haben noch etwas Höhliges an sich. Er spricht gutes Englisch, aber wenn er etwas klar herausheben will, hält er inne, dann sagt er es auf Deutsch, konturiert und laut, fast scharf. "WARUMMMM!"

"Zu umschreiben, was man selbst getan hat, war vielleicht eine Möglichkeit, Zugehörigkeit zu sich selbst zu bekommen", heißt es in Die Kartenzeichner von Enquist. Warum kommt einer zum Schreiben, warum in den Alkohol? Wer ist derjenige, der schreibt? Und wer, der trank? Das Buch holt weit aus, um das zu erforschen. Da war die Urgroßmutter, die wahnsinnig wurde über dem Erstickungstod von sechs Kindern und die man in ein Zimmer einsperrte, nachdem sie versucht hatte, ihr letztes Kind zu schlachten, und die in diesem Zimmer mit einem Nagel Zeichen in den Putz der Wände schrieb. Das gerettete Mädchen, das Enquists Großmutter wurde, machte auf dem Totenbett eine Andeutung, dass sein Vater einmal in den Alkohol geraten war. Der Vater, den das Kind nie gekannt hatte, dann aber, als Jugendlicher, auf einem Totenbild sah, ein Schock für den Heranwachsenden, der glaubte, sich selbst im Sarg zu sehen. Er, über dessen Kindheit schon wie eine Doppelbelichtung ein anderes Totenbild gelegen hatte, das den Erstgeborenen der Eltern zeigte, der an seiner Nabelschnur erstickt war und auf den Namen Per-Ola getauft wurde wie er später auch. Identität? Ist ein Rätsel. Die Rettung aus diesem Elend? Ein Wunder!

War es ein Wunder? "Wenn du ich gewesen wärst in den achtziger Jahren, und es fing eigentlich schon lange vorher an, und ich versuchte, davon frei zu sein, und mein Wille ist sehr stark, wirklich stark, aber ich konnte nicht aufhören. Und ich versuchte und versuchte es. Und alle halfen mir, und ich bekam jede Hilfe der Welt, und ich versuchte es mit Ärzten, und da waren die Tränen meiner Frau und meiner Kinder, aber ich konnte nicht aufhören. Ich saß fest. Und dann, plötzlich, war ich frei. Gibt es dafür ein besseres Wort als Wunder?"

Er beschreibt das Trinken wie eine sanfte Müdigkeit, in der das Leben versinkt wie die Umrisse eines Bildes, wenn es dunkelt. Das Grauen liegt im Kampf gegen den Alkohol. Eine der eindringlichsten Szenen des Buches führen in die Schneewüste von Island, wo er aus einem Entziehungsheim flieht, des Nachts hinaus ins Eis, wo er verloren ist wie König Lear in seiner Verzweiflung auf der Heide.