Am Donnerstag will Nicolas Sarkozy Angela Merkel erläutern, warum er Frankreich wieder zur Gänze in die Nato integrieren wird. Man darf sich diesen Entschluss nicht als reumütiges Beigeben vorstellen. Vielmehr versteht sich die kontinentale Atommacht, die mehr für ihr Militär ausgibt als die meisten Europäer, als Baumeister der europäischen Verteidigung. Paris drängt auf Europas Rüstungsmarkt, strebt ambitionierte Gemeinschaftsprojekte an und bringt sogar die Idee in Umlauf, eine Art militärische Euro-Zone zu formieren, einen harten Kern jener Europäer, die sicherheitspolitisch, personell und technisch vorangehen wollen. Für Deutschland kann das durchaus anstrengend werden.

Frankreich hält seinen Anspruch aufrecht, eine besondere Rolle zu spielen. Dieses Motiv lag schon dem Versuch General de Gaulles zugrunde, zusammen mit den USA und Großbritannien ein Direktorium zu bilden, um die Geschicke der Nato zu lenken. Die Initiative scheiterte im Herbst 1958 am angelsächsischen Widerstand. Wenige Monate später entzog Frankreichs Staatschef seine Mittelmeerflotte dem Nato-Kommando. Es folgten das Verbot amerikanischer Kernwaffen in Frankreich und die eigene Atomrüstung, bis de Gaulle im März 1966 seine Militärs aus den Stäben der Nato abkommandierte. Frankreich blieb nur in den politischen Gremien des Bündnisses präsent. Dessen Offiziere wiederum mussten ihre Pariser Paläste verlassen, um sich in einem Brüsseler Betonparadies wiederzufinden sowie in einem belgischen Ort namens Mons, der auch als Hauptstadt des Hennegaus bis dahin unbeachtet geblieben war.

Nie jedoch hatten Frankreichs Diplomaten die Tür ganz zugeschlagen, auch darin ihrem Altmeister Charles-Maurice Talleyrand treu. Als der Ostblock zu bröckeln begann, leitete Staatspräsident François Mitterrand die Rückkehr in die militärischen Gremien des Bündnisses ein. Sein Nachfolger Jacques Chirac verhandelte mit dem amerikanischen Präsidenten Bill Clinton gar über die vollständige Integration, verlangte aber allzu hohe Militärposten als Gegengabe – und musste im Kosovokrieg erleben, was es bedeutet, mitzumarschieren, ohne an der Zielplanung beteiligt zu sein.

Sarkozy hat daraus gelernt und nicht sonderlich verbissen um Lametta gekämpft. Immerhin erhält Frankreich das Nato-Reformkommando in Norfolk (Virginia, USA). Für militärische Pragmatiker ein geringer Preis, leitet es doch keine Einsätze. Politisch jedenfalls passt der Posten bestens zum Anspruch des französischen Staatschefs, die Nato in die Zukunft zu führen.

Er kann nun melden: Wir sind wieder da! Und wird sich dafür Anfang April auf dem Nato-Gipfel in Straßburg feiern lassen. So was mag er. Erst recht genießt er es, seine Widersacher zu quälen. Die Sozialisten, zu Zeiten de Gaulles gegen den Rückzug aus den Nato-Kommandos, sind nun unbedingt gegen die Rückkehr, und mit ihnen einige Altkonservative, die Sarkozys Annäherung an Amerika nicht als Raumgewinn verstehen. Beiden will er eins auswischen: Sein Ministerpräsident François Fillon wird den Beschluss am 17. März in der Nationalversammlung zur Abstimmung stellen und mit der Vertrauensfrage verbinden, was verfassungsrechtlich unnötig, politisch aber allerliebst ist. Denn die meisten Abgeordneten der Regierungsmehrheit werden wohl oder übel zustimmen.

Freuen darf sich auch die Armee. Sie windet sich unter harten Sparvorgaben, da verspricht die Aussicht auf rund 900 neue Nato-Karrieren Linderung (zum Vergleich: Deutschland entsendet etwa 1900 Offiziere). Doch die Personalauswahl wird ihre Zeit brauchen, wegen der Sprachprobleme. In der Regel sind nur die jüngeren Offiziere des Englischen mächtig. Man macht sich also übertriebene Sorgen in deutschen Dienststellen, die einen Einmarsch französischer Konkurrenten in die Nato fürchten. Das ist ohnehin ein recht unpolitischer Gedanke, der da im deutschen Verteidigungsministerium kursiert. Vielleicht sollte der zuständige Minister Franz Josef Jung ein paar Belehrungen über die Vorteile auf den Dienstplan setzen, die Berlin aus der Pariser Entscheidung ziehen kann.