Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist

DIE ZEIT: Wie geht es Amerika, wie geht es New York im März 2009?

Jonathan Franzen: Im Moment gleicht die Stadt einem Comichelden, der über die Klippe geschubst wurde, aber noch nicht aufgeprallt ist. Natürlich habe ich Bekannte, die vom Kollaps des Finanzsystems direkt betroffen sind, und meine Lebensgefährtin, die einmal die Woche in einer Armenküche mithilft, sagt, noch nie sei der Andrang so groß gewesen. Sie berichtet von einer neuen, verzweifelten Gier nach den letzten Sandwichs. Aber ich selbst bin gar kein so guter Beobachter, vor allem zurzeit nicht, da ich früh aufstehe, in mein Büro gehe, die Jalousien runterlasse und schreibe.

ZEIT: Damit die Krise draußen bleibt?

Franzen: Ja, ich versuche im Moment, das alles so gut wie möglich auszublenden. Die Möglichkeiten zum Eskapismus sind heute ja viel größer und reichhaltiger als in der Krise 1929 – und so könnte es gut sein, dass diese Krise von vielen Individuen als weniger schmerzhaft empfunden wird. Ich halte es eher für unwahrscheinlich, dass Menschen zu plündern anfangen, nur weil sie sich keinen neuen iPod leisten können oder weil ihr Handy bereits ein Jahr alt ist.

ZEIT: Obwohl Sie die Wirklichkeit auszublenden versuchen, erzählen Ihre Bücher sehr viel davon. Ihr Roman Die Korrekturen vermittelte, neben vielen anderen Dingen, einen Einblick in das Leben einer Familie während der Clinton-Jahre. Geht es in Ihrem neuen Buch um eine romanhafte Auseinandersetzung mit der Bush-Ära?

Franzen: So denke ich über das Buch nicht. Aber was Sie vermuten, ist auch nicht völlig falsch. Mein Arbeitsrhythmus trifft sich offenbar mit den Amtszeiten unserer letzten beiden Präsidenten. Wahr ist auch, dass mein erster Roman Die 27ste Stadt sehr viel mit Watergate und Nixon zu tun hatte, und der Zorn meines zweiten Romans Schweres Beben ist ohne Zweifel eine Folge der Reagan-Jahre. Das neue Buch hat den Arbeitstitel Freedom und spielt zum Teil in Washington.

ZEIT: Damit würde Ihr Werk als eine literarische Chronik der letzten 35 Jahre lesbar, insbesondere der Wechselwirkungen von politisch-sozialen Bewegungen und dem Familienalltag Amerikas.

Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist

Franzen: Das ist schon erstaunlich – denn so war es ganz gewiss nicht geplant. Das Problem ist zunächst ganz einfach, dass ich so verdammt lange benötige, um einen Roman zu schreiben. Ich habe kürzlich auf einem Empfang mit einem älteren Herrn geredet, und er sprach davon, nun schon 35 Jahre mit seiner Frau verheiratet zu sein, und dann fügte er hinzu, das bedeute natürlich nicht nur eine Ehe, sondern fünf verschiedene Ehen nacheinander. Es gibt diesen verflixten Siebenjahresrhythmus, dann muss man sich neu erfinden, damit es weitergeht.

ZEIT: Dann pflegen Sie zu Ihren Romanfiguren also ein eheähnliches Verhältnis?

Franzen: Ich benötige lange, um eine Figur zu entwickeln, die ich liebe. Ist es gelungen, will ich dann auch eine gewisse Zeit mit ihr verbringen – eine Affäre von ein paar Monaten ist mir einfach zu wenig. Vor allem aber bin ich als Schriftsteller nach wie vor von dem naiven Drang getrieben, die Arbeit an einem Buch müsse für mich selbst eine transformierende Erfahrung bedeuten. Ohne das Gefühl, dass es dabei auch für mich um etwas Grundlegendes geht, etwas, das mich im Kern betrifft, kann ich einfach nicht schreiben. Und man erneuert sich als erwachsener Mensch nicht in ein oder zwei Jahren. Damit wären wir auch wieder bei unseren Präsidenten: Nach sieben Jahren kann sie keiner mehr ertragen. Clinton erlebte im siebten Jahr sein Amtsenthebungsverfahren. Bush war nie besonders beliebt, aber im siebten Jahr erreichten seine Popularitätswerte einen spektakulären Tiefpunkt.

ZEIT: Obama forderte in seiner Rede zum Amtsantritt seine Landsleute in deutlichen Worten auf, sich zu ändern, vor allem dazu, endlich erwachsen zu werden. "Keine kindischen Spiele mehr!", "Amerika, werde erwachsen!" Es klang fast so, als wollte er dem Land die gute amerikanische Unschuld rauben.

Franzen: Ich habe das anders verstanden. Es ging dabei nicht um kindliche Unschuld, sondern um freiwillige Regression von Menschen, die erwachsen sein sollten, es aber vorziehen, sich wie Kinder oder Jugendliche zu verhalten; Menschen, die sich lieber unterhalten und ablenken lassen, als ernsthaft über die Probleme nachzudenken, die sie selbst betreffen; Menschen, die lieber spielen als arbeiten. All das sind wesentliche Züge unserer Kultur der letzten Jahrzehnte.

ZEIT: Halten Sie diese freiwillige Infantilisierung für ein besonders amerikanisches Phänomen?

Franzen: Es geht eher um die Logik der freien Marktwirtschaft in technologisch hoch entwickelten Gesellschaften – um Technokonsumismus. Marx hat das klar gesehen. Die Logik des Marktes führt zu einer Einebnung traditioneller Werte und Grundunterscheidungen. Das hat durchaus sein Gutes und Befreiendes, etwa wenn Sie an die Emanzipation der Frauen oder auch der Schwarzen denken. Warum sollte man den Schwarzen gewisse Konsummöglichkeiten verwehren? Das ergibt ökonomisch einfach keinen Sinn. Aber es gibt eben auch sehr wertvolle und tragende Unterscheidungen, die diesem Prozess zum Opfer fallen, und eine davon ist die Unterscheidung zwischen dem Erwachsenen und dem Jugendlichen beziehungsweise dem Kind. Unsere gesamte Kultur – mit der Unterhaltungsindustrie an der Spitze – ermutigt dazu, sich so kindisch wie möglich zu verhalten.

Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist

ZEIT: Was bedeutet dieser Einebnungsprozess für Ihre Arbeit, für die Gattung des Romans?

Franzen: Stellen Sie sich vor, jeder macht dieselben kulturellen Erfahrungen, erfährt dieselben Prägungen, ist an annähernd identischen Arbeitsplätzen tätig, benutzt annähernd identische Transportmittel, lebt in annähernd identischen Wohnungen, in denen abends annähernd dieselben Sendungen gesehen werden – was es in einer solchen Welt noch gäbe, wäre ein Narzissmus von Miniunterscheidungen, aber es gäbe keine großen, wahrhaft bedeutsamen Unterschiede mehr. Man erreicht den Punkt, an dem es sich wirklich nicht mehr lohnt, aus dem Haus zu gehen.

ZEIT: Und die Jalousien hochzuziehen…

Franzen: Ja, die Frage ist doch: Wozu nach China fahren, ist doch alles wie hier! Das wäre der Albtraum, und da spüre ich den Drang, mein Revier zu verteidigen, denn der Roman lebt als Gattung von diesen großen Unterschieden. Vive la différence!

ZEIT: Sind wir denn wirklich schon so weit, hat die Globalisierung diese Stufe erreicht?

Franzen: Ich war kürzlich in China, dort ist es zum Glück wirklich noch ganz anders. Aber wie lange noch? Und: Einst waren diese regionalen Unterschiede und Erfahrungen der Andersheit auch noch in Amerika zu finden, im Mittleren Westen zum Beispiel, aus dem ich stamme. Und damit ist es vorbei. Es gibt also Tage, da beneide ich Dickens, der im London seiner Zeit einfach nur vor die Haustür treten musste und Exzentrizität und Lebhaftigkeit in verschiedensten Formen an jeder Straßenecke fand. Natürlich ist es noch möglich, Romane zu schreiben, aber es ist schwieriger geworden. Und mir kommt es so vor, als würden es heute immer weniger gute Romane über meine Türschwelle schaffen, viel weniger als, sagen wir, noch in den achtziger Jahren.

ZEIT: Woran zeigt sich dieser Qualitätsverlust in Ihren Augen?

Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist

Franzen: Es wird sehr viel Vermeidungsfiktion geschrieben . Historische Romane, Kindheitsromane oder Romane mit Kindern als Helden, und auch da lässt sich erkennen, dass die Grenze der Kindheit immer weiter zurückverschoben wird, um wahrhafte Andersheit zu finden. Man muss heute wirklich sehr hart arbeiten, um etwas zu schaffen, das neu und anders klingt, weil solch ein Großteil unseres Alltags von geteilten Medienerfahrungen bestimmt ist. Und soweit es den Romancier betrifft, ist das alles einfach nekrotisches Material – tote Sprache.

ZEIT: Die Einebnung der Unterscheidung zwischen privat und öffentlich ist offenbar ein weiteres Erschwernis.

Franzen: Bereiche, die einst vom Tabu geschützt wurden, sind heute öffentlich geworden, denken Sie nur an Sex. Bevor sich John Updike und Philip Roth dieses Themas annahmen, war es in diesem Land literarisch unberührt, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist es, wie in einem Flugzeug zu sitzen, über ein Feuchtgebiet zu fliegen und zu erkennen: All das ist biologisch tot. Es gibt eine wichtige Parallele zwischen Biodiversität und kultureller Pluralität. Nehmen Sie irgendeine Karte des Mittleren Westens. Wenn es um unberührten Lebensraum geht, finden sich da nur noch ein paar winzige grüne Bläschen, die Diversität innerhalb der Habitate nimmt auch dramatisch ab, die verbliebenen Bereiche müssen dann so gut geschützt werden, dass im Grunde nichts anderes getan wird, als einen großen Zoo zu schaffen. Wir haben keine Wildnis mehr, wir haben gut gewartete Zoos, wo jeder Vogel ein kleines Plastikbändchen am Fuß trägt. Dort verbringen wir unsere Nachmittage.

ZEIT:Feuchtgebiete ist ja gerade für die deutsche Literatur ein interessantes Stichwort, denn der Erfolg des Romans von Charlotte Roche scheint Ihre These von willentlicher Infantilisierung und toten Tabuzonen voll zu bestätigen.

Franzen: Ich gebe zu, das Buch bislang nicht gelesen zu haben – vor allem, weil es mir peinlich gewesen wäre, damit in der Öffentlichkeit gesehen zu werden.

ZEIT: Nicht nur für die Wirtschaft und die Politik bedeutete das vergangene halbe Jahr in Amerika einen tiefen Einschnitt, auch für die Literatur. David Foster Wallace nahm sich vor fünf Monaten das Leben, John Updike verstarb im Januar. Ian McEwan schrieb darauf im Guardian, nun gebe es nur noch Philip Roth, und dann sei das große Jahrhundert des amerikanischen Romans vorbei.

Franzen: So etwas lese ich natürlich nicht. (Pause) Es stört mich schon, dass Ian McEwan so etwas geschrieben hat. Aber ich werde jetzt nicht zurückfeuern und etwas zur Zukunft des britischen Romans von mir geben, vor allem nicht über die Art Romane, wie sie Ian McEwan zu verfassen pflegt. Ich bin sicher, er hat es sehr nett gemeint.

Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist

ZEIT: Ich frage das auch, weil sich Ihre Kunst als eine Art Mittelweg zwischen dem eher traditionellen Realismus Updikes und dem postmodernen, formal avancierten Ansatz von Foster Wallace beschreiben lässt.

Franzen: Updike war sicher die führende Stimme der Realisten und Foster Wallace der brillanteste Vertreter formaler Innovation, weshalb er die späten Werke von Updike auch regelrecht gehasst hat. Und ja, mir selbst ging es in meinem Schreiben von Anfang an darum, eine Balance zu finden zwischen dem Populären und dem Literarischen, zwischen Realismus und Formalismus. Ich bin gern mittendrin, verbinde Gegensätze, es gibt da wohl einen Friedensstifter in mir, wenn auch einen sehr wütenden Friedensstifter.

ZEIT: Was denkt der wütende Friedensstifter, wenn ein schwedisches Mitglied des Nobelpreiskomitees äußert, die amerikanische Literatur sei chancenlos, da sie vom Dialog der Weltliteraturen abgeschnitten sei?

Franzen: Der selbstparodistische Zug dieses Satzes ist so offensichtlich, dass jede Erwiderung die Schönheit der Äußerung schmälern müsste.

ZEIT: Aber so ein Satz fällt nicht aus heiterem Himmel, ohne die Gewissheit um ein gewisses Meinungsumfeld würde er kaum geäußert.

Franzen: Im Kern geht es um Folgendes: Die angloamerikanische Literaturtradition ist eine unpolitische, die kontinentaleuropäische eine politische. Natürlich gibt es Ausnahmen, die von der schwedischen Akademie mit feiner Nase aufgespürt werden, so wie Harold Pinter oder Doris Lessing. Pinter war ein großer Dramatiker, keine Frage, aber ohne sein politisches Engagement hätte er den Preis nicht erhalten. Kein Journalist fragt mich in Amerika nach meinen politischen Ansichten, das macht man hier einfach nicht; andererseits ist es undenkbar, von einem europäischen Journalisten keine politischen Fragen gestellt zu bekommen: "Ja, ja, zu Ihrem Werk kommen wir gleich, aber lassen Sie uns doch zunächst über die eigentlich wichtigen Dinge sprechen…" Wenn das also der kulturelle Maßstab ist, an dem die Werke amerikanischer Schriftsteller gemessen werden, werden wir ihm nicht genügen können.

ZEIT: Immerhin wird dem Schriftsteller damit in Europa eine Relevanz eingeräumt, die er in Amerika nicht besitzt.

Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist

Franzen: Oh, aber natürlich, es gibt wirklich nichts, was ich lieber tue, als über Politik zu sprechen, das macht Riesenspaß! Anderseits werden unter diesem Maßstab einige Literaten gar nicht erst infrage kommen, sogar unbemerkt unter dem Radar bleiben, obwohl sie ihren Kollegen schriftstellerisch um Lichtjahre voraus sind.

ZEIT: An wen würden Sie da im Speziellen denken?

Franzen: Ich denke vor allem an die Kanadierin Alice Munro, mit der es auf diesem Planeten allenfalls eine Handvoll Schriftsteller aufnehmen können. Ich meine, sie hat im Bereich der Kurzgeschichte Tschechow übertroffen, und der war nicht gerade ein Anfänger. Und es ist nicht einmal so, dass sie nicht politisch wäre, aber Politik ist aus nordamerikanischer Sicht ein simples, offensichtliches und nicht besonders ehrliches Geschäft, das von der Präsentation gezielt einseitiger, interessengeleiteter Weltsichten lebt. Es ist also das genaue Gegenteil von dem, was Literatur sein und leisten sollte. Die Fronten haben sich weiter verhärtet. Nach acht Jahren Bush/Cheney bleibt es schwer, nicht jede Äußerung aus dem Mund eines schwedischen Akademiemitglieds als Ausdruck eines übermäßigen Hasses gegen Amerika zu deuten. Ich kann das gut verstehen.

ZEIT: Sie können das gut verstehen?

Franzen: Ja, ich glaube an Kollektivschuld. Meine Landsleute haben Bush/Cheney über die Welt gebracht – warum also sollten uns die Schweden nicht hassen?

ZEIT: Wird das Verhältnis mit Obama wieder entspannter?

Franzen: Obama ist der erste Präsident in meinem Leben, zu dem ich einen persönlichen Zugang finden kann, der erste Präsident, von dem ich mir vorstellen kann, wie es ist, er zu sein. Ein offenbar hochintelligenter Mensch, ein wirklich guter Schriftsteller mit einem modernen Selbstbewusstsein, er hat all die Vorabendserien der sechziger und siebziger Jahre in seiner Kindheit gesehen, die Lachschleifen haben sich in sein Hirn gebrannt, wirklich, ich kann mich mit ihm identifizieren, aber es gibt da eine dunkle Vision, die ich habe…

Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist

ZEIT: Ja?

Franzen: Ich stelle mir vor, dass man Obama, sobald er zum Präsidenten gewählt wurde, zur Seite nahm und in einen kleinen, ruhigen Raum bat, wo er Platz nehmen durfte. In diesem Raum steht ein Regal mit Aktenordnern, die nur vom Präsidenten eingesehen werden dürfen, Obama konnte sie für einige Stunden in Ruhe studieren, mit allen Daten, Grafiken, Tabellen, und nach der Lektüre festigte sich in ihm die Gewissheit: Was auch immer ich tun werde, es steht nicht in meiner Macht, dieses Land oder die Welt vor einer Katastrophe zu bewahren, es ist zu spät, wir haben den Zeitpunkt verpasst, in dem eine langsame Verringerung sinnvoll und machbar gewesen wäre. Es wird harte, schmerzhafte, opferreiche Umwälzungen geben – und alles, was ich tun kann, ist, diesen Prozess so lange wie möglich zu verzögern.

ZEIT: Das klingt eher nach Dick Cheney als nach Barack Obama.

Franzen: Ja, das ist wahr, Cheney hat eine sehr dunkle Weltsicht, die offenbar gut mit dem Millenarismus des mutmaßlich "wiedergeborenen Christen" George W. Bush harmonierte, in jedem Fall aber mit dem Nihilismus des inkompetenten George W. Bush. Aber was Cheney begriffen hat, war, dass es unmöglich ist, die Ressourcen der Welt immer weiter auszuschöpfen. Er begriff, dass nicht jede Volkswirtschaft des Planeten wachsen kann – selbst wenn man von Wachstumsraten von nur einem Prozent ausgeht, sind die Prognosen für das Ende des 21. Jahrhunderts katastrophal. Cheney war nun einfach ein realistischer Hardliner, sein Argument lautete: Wenn die Katastrophe kommt, muss ich dafür sorgen, dass mein Land nicht zu schwer leidet – es geht nicht um unsere Freunde in Europa oder Südamerika, es geht zunächst um das eigene Land.

ZEIT: Es klingt fast so, als würden Sie ihm darin recht geben?

Franzen: Seine Wahrnehmung der Lage war korrekt, aber er zog daraus die falschen Schlüsse, der Irakkrieg war einfach ein Fehler. Ohne einschneidende Eingriffe in unseren Lebensstil und das Konsumverhalten wird es keine Lösungen geben, und es wird ungeheuer schwer sein, diese Einsicht politisch zu vermitteln. Gerade hier in Amerika geht das gegen alles, was unser Land ist und sein will. Die Menschen kamen und kommen schließlich hierher, weil sie ein besseres Leben wollen.

ZEIT: Man müsste also den Mythos Amerika verändern und von neuem erzählen?

Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist

Franzen: Ja, das sehe ich so. Und es würde mich sehr erstaunen, sollte Obama auch nur in Ansätzen Schritte in diese Richtung unternehmen. Ich habe den Eindruck, nicht einmal der Messias selbst könnte angesichts der Gegebenheiten viel erreichen, denn was ich in diesen Ordnern vermute, ist wirklich tief beunruhigend – nicht nur in Bezug auf die ökologische Katastrophe, die vielleicht unausweichlich ist.

ZEIT: Herr Franzen, wenn wir schon von der ökologischen Katastrophe sprechen, möchte ich Sie fragen: Welches Tier bemitleiden Sie am meisten?

Franzen: Hm. Ich könnte jetzt einfach pompös klingen und antworten: das menschliche Tier!

ZEIT: Nein, das zählt nicht.

Franzen: Eine sehr schwierige Frage. Vögel, die keine Raubvögel sind, für sie empfinde ich wohl das größte Mitleid, und ganz besonders würde ich einen Zugvogel bedauern, der nur zwanzig, dreißig Gramm schwer ist und der 10000 Kilometer von Südamerika hierher zu uns flog, um dann festzustellen, dass sein Habitat einem Parkplatz weichen musste. Außerdem stelle ich es mir ungeheuer hart vor, ein Zugvogel zu sein, der den Partner verloren hat, mit dem er über Jahre dieselbe Strecke geflogen ist, und wenn es dann Balzzeit ist, findet er keinen neuen Partner.

ZEIT: Weil er beziehungsunfähig geworden ist?

Franzen: Nein, der Vogel wird irgendwann vielleicht wieder einen Partner finden, aber wenn nicht, stellen Sie sich das vor: Tausende Kilometer unterwegs zu sein und dann in dieser kurzen Paarungsphase niemanden mit dem eigenen Gesang für sich gewinnen zu können! So ein Tier bemitleide ich sehr.

Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist

ZEIT: Sie bemitleiden Zugvögel für ihr schweres Schicksal?

Franzen: Ja. Auch wenn das sehr sentimental und furchtbar traurig klingt.

ZEIT: Und offenbar hat es einiges mit einem Romanschriftsteller zu tun, der jahrelang an einem Buch schreibt.

Franzen: Oh ja, natürlich projiziere ich hier; meine Neigung, mich mit Vögeln zu identifizieren, ist mit den Jahren vollkommen außer Kontrolle geraten, entschuldigen Sie bitte.

ZEIT: Im April reisen Sie als Gast der American Academy für einige Wochen wieder nach Berlin. Hat das auch literarische Gründe?

Franzen: Ich spreche noch ausreichend gut Deutsch, um mich in Berlin auch sprachlich wohlzufühlen, und ja, ich plane tatsächlich, einen Roman zu schreiben, in dem Deutschland eine wichtige Rolle spielt, ich weiß sogar schon recht genau, wie er aussehen soll. Was ich an Berlin liebe, ist insbesondere seine Leere, auch die Nähe zur Natur Brandenburgs, diese wundervollen Parks, die außer an Sonntagen menschenleer sind. Dort werde ich viele Stunden an den Teichen verbringen und Vögel beobachten.

Das Gespräch führte Wolfram Eilenberger