DIE ZEIT: Herr Mayrhuber, gerade haben Sie sich mit der Gewerkschaft des Kabinenpersonals auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Trotzdem müssen Sie nun weitere Arbeitskämpfe fürchten, denn bei der Lufthansa liefern sich mehrere Gewerkschaften einen scharfen Wettbewerb. Ist diese Konkurrenz eine Gefahr für das Unternehmen?

Wolfgang Mayrhuber: Zunächst einmal sind wir ein Unternehmen, das sich bei Tarifverhandlungen nicht verstecken muss. Im Gegenteil, wir haben im vergangenen Jahr 4000 Mitarbeiter eingestellt und hatten dafür annähernd 100000 Bewerbungen. Als Arbeitgeber sind wir offenbar attraktiv für viele Menschen. Wenn es nun im Rahmen von Tarifauseinandersetzungen zunehmend dazu kommt, dass sich einzelne Gewerkschaften zulasten des Unternehmens und der übrigen Mitarbeiterschaft beweisen müssen, im Sinne von "Ich hol noch mehr raus", dann ist das schon eine gefährliche Tendenz.

ZEIT: Was muss sich aus Ihrer Sicht ändern?

Mayrhuber: Ich bin ein Freund der Koalitionsfreiheit, aber die Regeln, die man dafür geschaffen hat, sind nicht mehr anwendbar. Wenn an einem Flughafen die Feuerwehr streikt, dann sind sofort alle Airlines betroffen, die dort starten und landen. Zwölf Leute können solch einen Flughafen lahmlegen, und viele Fluggesellschaften und Tausende Fluggäste werden in Mitleidenschaft gezogen. Im Luftverkehr wirken nun einmal viele Spezialisten zusammen, das ist so ähnlich wie bei einem Orchester. Dort können sie auch nicht sagen, heute streiken die Flötisten, morgen sind die Bläser nicht da, und übermorgen kommt der Trommler nicht. Und dabei könnte das Orchester zumindest theoretisch noch spielen. Aber wenn bei uns die Flötisten nicht da sind, fällt gleich die ganze Vorstellung aus. Je kleiner die Klientel und je größer die Wirkung des Streiks, umso stärker müsste eine Verpflichtung zur Schlichtung sein.

ZEIT: Die Luftfahrtbranche durchlebt gerade eine ihrer schwersten Krisen. Der Chef des Weltverbandes IATA sagte: "Überall schrillen die Alarmglocken." Wo schrillen sie bei der Lufthansa?

Mayrhuber: Wir hatten bei Lufthansa im Februar neun Prozent weniger Flüge und zehn Prozent weniger Passagiere. Die Frage ist, wie reagiert man? Wir laufen gerade nicht wie aufgeschreckte Hühner durch die Gegend, wenn die Alarmglocken läuten, sondern wir versuchen möglichst frühzeitig zu erkennen, wo die Turbulenzen sind und wie wir schnell darauf reagieren können. Im Mai 2008 haben wir intern einen Personaleinstellungsstopp in der Verwaltung verhängt, im Juni für den gesamten Passagierbereich der Lufthansa. Im Herbst haben wir erste Flieger am Boden gelassen, wir haben also schon früh gegengesteuert.

ZEIT: Wie hat sich der Personalbestand im vergangenen halben Jahr entwickelt?