RÜRUP: Momentan wohl nicht – aber deswegen war die Reform nicht falsch. Ich glaube, es war der rot-grünen Regierung sogar bewusst, dass die Reform in dieser Phase besonders leicht durchzusetzen war.

ZEIT: Im Gegensatz zu den meisten anderen Ökonomen haben Sie sich immer sehr für solche Fragen der Durchsetzbarkeit interessiert.

RÜRUP: Ich wollte wissenschaftliche Politikberatung machen, und das ist nun einmal etwas ganz anderes als Begutachtung. Begutachtung muss neutral sein. Politikberatung kann nicht neutral sein. So wie ein Unternehmensberater den Erfolg des beratenen Unternehmens wollen muss, muss ein Politikberater bereit sein, sich mit den Zielen des Beratenen zu identifizieren. Dafür muss ihn interessieren, was die Angelsachsen politics nennen – die Frage, ob und wie sich Mehrheiten für eine Idee beschaffen lassen und wie sie sich verkaufen lässt.

ZEIT: Wenn Taktik bei der Beratung so eine Rolle spielt – ist das dann noch Wissenschaft?

RÜRUP: Aber sicher. Wissenschaft ist logisches Durchdenken von Sachverhalten unter Berücksichtigung der aktuellen theoretischen und empirischen Befunde. Ich finde, man kann durchaus wissenschaftlich arbeiten, wenn man vorgegebene Ziele akzeptiert – aber man muss sie transparent machen.

ZEIT: Wann hat wissenschaftliche Politikberatung in Deutschland gut funktioniert?

RÜRUP: Eigentlich noch nie. In Deutschland hat zwar fast jeder Politiker irgendwelche Berater, heute mehr denn je, aber eine institutionalisierte Politikberatung hat es leider nie gegeben. Der Sachverständigenrat…