ZEIT: …die sogenannten Wirtschaftsweisen…

RÜRUP: …wird oft als oberstes ökonomisches Beratungsgremium der Bundesregierung bezeichnet. Zu Unrecht, im Sachverständigenratsgesetz steht sogar ein ausdrückliches Empfehlungsverbot, an das man sich allerdings nie wirklich gehalten hat. Wenn der Rat für die jeweilige Regierung arbeiten würde, müsste er auch von ihr eingesetzt werden. Das ist nicht der Fall, und deswegen gab es in Deutschland immer wieder sehr einflussreiche Ad-hoc-Kommissionen wie etwa die Hartz-Kommission. Es wäre gut, wenn es ein dauerhaft etabliertes Gremium von Ökonomen gäbe, das von der Regierung ernannt wird und dessen Mitglieder hauptamtlich für sie arbeiten – wie in den USA, wo der Präsident seinen Council of Economic Advisers besetzt.

ZEIT: Stehen Gremien wie der Sachverständigenrat nicht auch für eine verbreitete naive Sehnsucht nach einer Regierung durch Experten, die unabhängig von Machtkämpfen und Wahlen das Beste für das Land erkennen?

RÜRUP: Was Sie beschreiben, gibt es ganz sicher. Deshalb erfinden wir Schuldenbremsen, Rentenformeln, Stabilitätspakte und viele andere Instrumente, mit denen die Entscheidungskompetenz der Politik begrenzt werden soll. Einiges davon ist sinnvoll, aber ich sehe auch, dass sich darin ein Unbehagen an der parlamentarisch-demokratischen Willensbildung zeigt, die vielen zu lange dauert und ineffizient erscheint. Aber Kommissionen sind nicht nur Ausdruck dieses Unbehagens, sie können es auch abbauen.

ZEIT: Wann und warum sind solche Kommissionen erfolgreich?

RÜRUP: Das ist schwer messbar, weil Erfolg nicht nur darin besteht, dass ein Vorschlag umgesetzt wird. Auch eine abgelehnte Idee kann eine Debatte voranbringen. Meiner Erfahrung nach hängt viel davon ab, ob die Verwaltung bei Projekten kooperiert. Das ist im Übrigen für jede Art der Politikberatung entscheidend.

ZEIT: Sie haben große Reformprojekte von Anfang bis Ende begleitet. Wo sitzt in diesem Prozess die Macht, wer gestaltet am meisten – Abgeordnete, Beamte, Berater, Medien?