ZEIT: Oder ist die Zeit der Konsensentscheidungen in der Sozialpolitik einfach vorbei? Früher haben Union und SPD große Reformen bei Rente und Gesundheit gemeinsam organisiert, heute liegen die Volksparteien oft weit auseinander.

RÜRUP: Ich würde gern mit einem Bild antworten, das ich kürzlich in einer Zeitung gelesen habe.

ZEIT: Bitte sehr.

RÜRUP: Was lernen Sie in einer Artistenschule als Erstes?

ZEIT: Hinzufallen vielleicht?

RÜRUP: Jonglieren. Das muss jeder Artist können. Mit drei Bällen ist das einfach, und die alte Bundesrepublik hat über dreißig Jahre perfekt mit drei Bällen jongliert – mit drei Parteien. Seit gut zwanzig Jahren gibt es einen vierten Ball. Damit kommen wir inzwischen auch zurecht. Aber der neue fünfte Ball fällt gegenwärtig noch oft hin. Die Vorstellung, dass zwei Volksparteien über Reformen entscheiden, stammt noch der Drei-Bälle-Welt. Wie die Fünf-Bälle-Welt aussieht, steht noch nicht fest. Aber ich glaube, dass wir auch in den kommenden Jahren eine Renaissance des regulierenden Staates und eine intensivere Verteilungsdebatte erleben.

ZEIT: Selbst bei einer schwarz-gelben Regierung?