RÜRUP: Ich wette, dass jede Regierung nach der Wahl etwa das Thema Altersarmut angehen wird – mit dem Ziel, Probleme auch in Zukunft abzuwenden. Das gilt auch für eine von Angela Merkel und Guido Westerwelle geführte Koalition.

ZEIT: Sie rechnen also mit dem ungewöhnlichen Fall, dass eine große Wirtschaftskrise nicht zum Konsolidieren, sondern zu Umverteilung führt?

RÜRUP: Das eine schließt das andere nicht aus. Die Welt nach dieser Krise wird eine andere sein, und in zwanzig Jahren werden wir die Finanzmarktkrise als große Zäsur betrachten, die zu einem Abschied vom angelsächsischen Liberalismus und zu einer Wiederentdeckung des europäischen Liberalismus geführt hat. Das Konzept der sozialen Marktwirtschaft setzt wirtschaftliche Effizienz nicht mit gesellschaftlicher Effizienz gleich. Der Markt ist kein Vollautomatismus, sondern höchstens ein Halbautomatismus – das unterscheidet unseren Blick von dem der angelsächsischen Neoliberalen. Bei Fragen der Einkommensumverteilung, der Umweltpolitik, des Wettbewerbs und der makroökonomischen Steuerung ist ein regulierender und korrigierender Staat erforderlich. Diese Idee wird mehr Anhänger haben denn je.

ZEIT: Bei der Bewältigung der Krise spielen Ökonomen in Deutschland keine Rolle – weil sie nicht hinreichend gewarnt haben?

RÜRUP: Die Dynamik der Finanzkrise hat in der Tat einen großen Teil der Wissenschaft überrascht. Dennoch haben Ökonomen bei der Bewältigung der Krise eine wichtige Rolle. Der Sachverständigenrat hat in seinem jüngsten Herbstgutachten einvernehmlich für eine keynesianische Politik und ein großes Konjunkturpaket geworben. Das war für einige Ratsmitglieder eine nicht einfache Wende – aber eine dringend notwendige.

Das Gespräch führten Gunter Hofmann und Elisabeth Niejahr