DIE ZEIT: Sie haben Ihren Nachlass zu Lebzeiten im Kölner Stadtarchiv eingelagert, um die Dokumente in Sicherheit zu wissen. Nun könnte alles zerstört sein – wie gehen Sie mit dem Schock um?

Günter Wallraff: Erst mal habe ich den Verlust verdrängt, weil ja Menschen verschüttet waren. Da sind die Papiere sekundär. Jetzt so langsam, da man weiß, dass auch der letzte Vermisste wohl nicht zu retten sein wird, lasse ich das an mich heran. Es ist eine Katastrophe. Im Archiv lagerte vieles, das ich auch für meine Autobiografie, die in Arbeit ist, noch brauche. Ich hatte vor einigen Jahren ganze Kellerräume angemietet, weil ich bei mir zu Hause keinen Platz mehr hatte. Das Archiv sollte die Unterlagen auch vorsortieren. Außerdem bin ich ja Kölner und wollte, dass die Sachen allgemein zugänglich sind.

ZEIT: Sie sind jetzt quasi Ihres Gedächtnisses beraubt.

Wallraff: Ja, das ist schon sehr beunruhigend. Aber zum Glück wird mein Langzeitgedächtnis immer besser. Vieles ist in meiner Festplatte im Gehirn eingebrannt. Aber natürlich nicht die ganzen Zuschriften von Menschen, die mir in den letzten Jahrzehnten von ihrem Schicksal erzählten. Das ist wie ein Sozialarchiv. Auch mein Briefwechsel mit Heinrich Böll und anderen Zeitgenossen könnten verloren sein.

ZEIT: Was haben Sie dort außerdem archiviert?

Wallraff: Die Anfänge meiner Arbeit, meine literarischen Versuche. Ich habe ja als Lyriker begonnen. Und auch eine ganz frühe Geschichte lagerte dort: wie ich als junger Mann ein halbes Jahr in Obdachlosenasylen lebte. Diese Reportage habe ich nie veröffentlicht. Die war dort handschriftlich hinterlegt.

ZEIT: Ein bisschen ist es wie mit einer Bank, der man sein Geld anvertraut, die dann aber pleitegeht. Heben Sie Ihre Sachen jetzt wieder selber auf?