Es gibt Bücher mit einem Männertitel und Bücher mit einem Frauentitel. Ein Männertitel ist zum Beispiel die Vermessung der Welt oder auch Erinnerungen an meinen Porsche . Ein Frauentitel ist zum Beispiel Sommerhaus, später oder Sommerstück oder Sommer am Meer . Die Frauentitel signalisieren Anschmiegsamkeit, Nachgiebigkeit, Naturnähe. Die Männertitel Aggression, Imponiergehabe, Naturbeherrschung. Noch immer geht es in der Gegenwartsliteratur nicht anders zu als bei den Neandertalern.

Julia Schoch ist eine intelligente Autorin. Sie weiß um die Gefahren der männlichen Weltvermessungs- und Porscheliteratur und die der weiblichen Sommerbüchlein. Trotzdem heißt ihr neuer Roman Mit der Geschwindigkeit des Sommers und handelt von einer unglücklichen Hausfrau in der ostdeutschen Provinz, die sich heimlich einen Liebhaber hält und an ihrem Leben oder an was auch immer vor der Zeit zugrunde geht. Eine Effi B., eine Christa T., vielleicht auch eine Lisbeth Cressphal, um nur an ein paar der prominenten weiblichen Leichen der mecklenburgisch-brandenburgischen Literaturgeschichte zu erinnern, in deren Ahnenreihe diese ein wenig aus der Mode gekommene Schmerzensfrau steht. Es ist wahr: Die 35-jährige Julia Schoch bedient das Prinzip Neandertaler. Aber sie zerstört es auch.

Es sind zwei Schwestern, von denen Julia Schoch erzählt. Zwei Entwürfe einer weiblichen Existenz in der DDR, vielleicht zwei Seelen in einer Brust. Sie wachsen auf als Töchter eines NVA-Offiziers in einer Garnisonsstadt inmitten von Sandkuhlen und Kiefernwäldern nahe der polnischen Grenze. Ein verlassenes Kaff wie aus einer Erzählung von Joseph Roth, wo die Soldaten auf der Durchreise schnell noch ein paar Kinder machen und ein paar Schnäpse kippen. Diese Herkunft teilen die Schwestern mit ihrer Erfinderin, die als Offizierstochter in einer ähnlichen Militärsiedlung am nordöstlichen Rand der DDR groß wurde, einer "Goldgräberstadt", wie es im Roman heißt, die aus dem Boden gestampft, eine Weile künstlich beatmet und nach der Wende vergessen wurde.

Eine Schwester verlässt diesen Kindheitsort, reist durch die Welt, dreht Filme und denkt an die andere Schwester nur noch zurück wie an Standbilder aus einem zerkratzten Schwarz-Weiß-Film. Es ist diese hellere, globalisierte Seite des Ich, das die traurige Ballade von seiner anderen, verhockten ostdeutschen Seelenhälfte erzählt. Das Leben des östlichen Ich zuckelt, als wäre die Mauer nicht gefallen, immer weiter auf den alten Abstellgleisen. Es braucht kein anderes, schon gar kein eigenes Leben. Es hat einen Liebhaber, den es immer nur "den Soldaten" nennt, weil es ihn in seiner Jungmädchenblüte als einen solchen kennengelernt hat. Mit ihm kehrt die östliche Schwester, seitdem er bei ihr irgendwann in den neunziger Jahren wieder vorstellig wurde, bei jedem heimlichen Stelldichein in die Zeit der Filzuniformen zurück, als sei sie gar nicht vergangen, sondern nur "abgebrochen worden wie eine festgefahrene, unerträgliche Schulstunde".

Wenn es stimmt, dass sich die Stimme eines Autors aus den Erfahrungen seiner Kindheit speist, dann kommt der Grundton in den Büchern von Julia Schoch aus der Welt des Kalten Krieges. Anders als ihren westdeutschen Altersgenossen, die sich in ihrem interesselosen Wohlgefallen an der Helmut-Kohl-Welt endlos entspannten, stecken Julia Schoch und ihren Heldinnen die Nachkriegszeit noch in den Knochen. Die Seelenstimmung in ihrem vermeintlich – in Wahrheit ganz und gar nicht – sommerlichen Buch ist noch immer der angehaltene Atem nach der Katastrophe, das geduckte Dahocken unterm Staubmantel der Geschichte. Träge Panzerkolonnen wälzen sich wie urzeitliche Riesentiere durch die Stadt, die Scheiben klirren, die Kinder stehen an den Fenstern wie in Trance, den Kopf im Nacken, die Augen geschlossen. Die Zeit steht still. "Eine Kammer des Überdauerns", schreibt Julia Schoch, sei das Leben damals gewesen. Und für die Dauer dieses sehr anrührenden, stolz verzweifelten Buches kehrt sie noch einmal dorthin zurück.