Jörg Tauss sitzt in seinem Abgeordnetenbüro Unter den Linden. Es ist Dienstagmorgen. Er hat alle Termine abgesagt. Seit noch nicht ganz fünf Tagen liegt die politische Karriere des SPD-Parlamentariers in Trümmern. Am Donnerstagnachmittag haben Ermittler seine Büros und Privaträume durchsucht und dabei Material beschlagnahmt, das den Verdacht bestätigen soll, den die Staatsanwaltschaft Karlsruhe gegen Tauss erhebt: Verbreitung von Pornografie mit Kindern.

"In meiner Arbeit bin ich manchmal ein einsamer Wolf", sagt Tauss. Am Freitag, am Telefon in seinem Haus in Gochsheim, war er noch vage gewesen, ausweichend bei den entscheidenden Fragen, wie er an das kinderpornografische Material gekommen sei, das bei ihm gefunden wurde. Übers Wochenende hat er mit seinem Berliner Anwalt Jan Mönikes eine Verteidigungsstrategie entworfen. Jetzt will er reden. Jetzt muss er reden.

Was wollte Tauss mit dem Material, das die Ermittler bei ihm gefunden haben? Tauss hat dafür eine Erklärung. Eine Erklärung, die den Besitz kinderpornografischer Bilder und einer DVD mit seiner Arbeit als Abgeordneter erklärt. Tauss erzählt von einem einsamen Trip in die Finsternis der Pädophilenszene. Er berichtet bereitwillig von seinen Kontakten mit dem ominösen Sascha H., der in Bremerhaven gefasst wurde und von dem aus die Spur zu Tauss führte. Es ist eine haarsträubende Geschichte. Ob diese Version, Tauss’ Version, der Realität entspricht, weiß nur er. Wenn man ihn für schuldig hält, wird man sie als Ablenkung oder Verdrängung lesen. Abgeordnete, die Tauss lange kennen, halten es jedoch für abwegig, dass er ein Pädophiler sei. Aber wer kann einem Pädophilen seine Neigungen ansehen?

Kinderpornografie, das ist mehr als nur ein Straftatbestand. Es ist eine moralische Katastrophe. Eines der letzten echten Tabus, die auch in der durchsexualisierten Gesellschaft respektiert werden. Deshalb ist die Grenze, die um das Grauenhafte gezogen ist, nicht nur mit Verboten bewehrt. Schon der bloße Verdacht, sich für kinderpornografisches Material zu interessieren, kann genügen, eine bürgerliche Existenz zu vernichten. Jörg Tauss erlebt das gerade. Mögen auch alle Ermittler bekräftigen, es gelte die Unschuldsvermutung, faktisch hat sich die Beweislast in der Öffentlichkeit in dem Moment umgekehrt, als bekannt wird, dass die Ermittler etwas bei Tauss gefunden haben.

Der Moment lässt sich ziemlich genau bestimmen. Es ist der 5. März, 13.31 Uhr. Da erscheint auf Spiegel online eine erste Meldung, gegen Tauss werde ermittelt. Rund zwei Stunden zuvor hatte die Karlsruher Staatsanwältin Stephanie Egerer-Uhrig die Mitglieder des Bundestags-Immunitätsausschusses um Aufhebung von Tauss’ Immunität ersucht. Niemand erhebt Widerspruch.

Kaum ist der Beschluss gefasst, begeben sich die Mitglieder des Ausschusses in den Plenarsaal, alle gemeinsam, damit niemand zum Telefon greifen kann. Gegen zwölf Uhr ruft Bundestagsvizepräsidentin Susanne Kastner den Zusatzpunkt zehn auf: Antrag auf Aufhebung der Immunität eines Abgeordneten. Ein Name wird nicht genannt, das ist nicht üblich. Der Bundestag stimmt ab. Es gibt nur zwei Enthaltungen und eine Gegenstimme. Das Ganze dauert kaum zwei Minuten. Zwei Minuten, in denen sich das Leben von Jörg Tauss schlagartig ändert.