Der Biophysiker und Bestsellerautor Stefan Klein führt für das ZEITmagazin regelmäßig Gespräche mit Wissenschaftlern über die großen Fragen, auf die wir keine letzten Antworten haben. Diesmal spricht er mit der Heidelberger Neurobiologin Hannah Monyer über das Erinnerungsvermögen des Menschen.

Unsere Gehirne sind Zeitmaschinen. Es genügt, an die Vergangenheit zu denken, und schon tauchen wir in sie ein. Doch die Erinnerung besteht aus Splittern; irgendwie fügen sich die Bilder, Gerüche, Gefühle von damals wieder zu einem Ganzen. Die Neurobiologin Hannah Monyer erforscht, wie das geschieht. Das Heidelberger Labor der 51-Jährigen genießt Weltruf, und für ihre Arbeiten gewann sie die höchste deutsche Auszeichnung für Wissenschaftler, den Leibniz-Preis.

Manchmal allerdings entführt uns das Gedächtnis in eine Welt, die uns so vertraut und dabei doch so seltsam entrückt vorkommt, als würden wir in ihr nicht die eigene Geschichte, sondern einen Traum wieder erleben. So ging es mir, als ich zum ersten Mal Monyers Stimme hörte. Sie redete in einem eigentümlichen Singsang und rollte das R – die Sprachmelodie meiner lange verstorbenen Großeltern. Wie diese gehört Hannah Monyer einer rumäniendeutschen Volksgruppe an, den Siebenbürger Sachsen, die sich untereinander heute noch eines Dialekts des Mittelhochdeutschen bedienen. So sprachen sie schon zu Beginn des 13. Jahrhunderts, als ihre Vorfahren Transsylvanien besiedelten.

Monyer geleitete mich in einen kahlen Seminarraum; auf den Tisch stellte sie eine Keksdose. Darin lagen mit Aprikosenmarmelade gefüllte, mürbe Konstruktionen aus Teig, wie ich sie einst in der Küche meiner Großmutter genascht hatte.

Stefan Klein: Frau Professor Monyer, wenn Sie all Ihre Erinnerungen aufgeben müssten und nur eine behalten dürften, welche wäre es wohl?

Hannah Monyer: Nur eine? Also gut: Ich lag unter dem riesigen Apfelbaum im Garten meiner Großeltern im hohen Gras. Ich hörte die Bienen summen, die mein Großvater dort hielt. Ich hatte gerade die Aufnahmeprüfung für eines der beiden besten Gymnasien Rumäniens bestanden; bald würde ich das Dorf meiner Familie für immer verlassen. Da war ich 14 Jahre alt. Ich spürte, dass etwas Besonderes auf mich wartete, dass das Leben begann. Und ich fühlte mich stark. Dieses Gefühl der Ruhe vor dem Aufbruch würde ich gerne für ewig behalten.

Klein: Was haben Sie sich damals von Ihrem Leben erwartet?

Monyer: Eigentlich wusste ich schon immer, dass ich das Gehirn verstehen will. Eines Tages kam ich aus der Volksschule nach Hause und rief: "Mami, sag mir, dass ich Schmerzen empfinde!" Da hatten wir gerade die Nervenbahnen im Rückenmark durchgenommen, und ich hatte begriffen, dass alle meine Empfindungen nur Signale des Gehirns sind. Mit meinen zehn Jahren hat mich das enorm fasziniert. Ich wusste: Um mehr zu erfahren, muss ich Medizin studieren.

Klein: Viele Hirnforscher treibt der Wunsch, sich selbst besser zu verstehen. Sie auch?

Monyer: Zum Teil. Aber wichtiger war dieses Verlangen, als ich noch in der Psychiatrie arbeitete. Das Abnormale zieht uns ja deswegen so an, weil wir uns letztlich selber darin erkennen. Ich war eine glückliche Ärztin. Zur Forschung kam ich durch reinen Zufall, als ich während eines Stipendienjahrs in den USA in ein neurobiologisches Labor gelangte. Da wusste ich: Das ist es. Es gibt diese wunderbare griechische Darstellung von Kairos…

Klein: …dem Gott der Gelegenheit. Auf seinem ansonsten kahlen Kopf trägt er auf der Stirn eine Locke. Da muss man ihn packen, sonst geht er vorüber.

Monyer: Wir glauben, dass wir unser Leben in der Hand haben. Aber in Wirklichkeit können wir nur Gelegenheiten ergreifen.

Klein: Heute erforschen Sie Interneuronen. Was ist das?

Monyer: So etwas wie Taktgeber im Gehirn. An jedem Ihrer Erlebnisse sind manchmal Tausende, manchmal Millionen Neuronen beteiligt. Deren Aktivität muss koordiniert werden. Das erledigen spezielle Gehirnzellen, die Interneuronen. Jedes von ihnen ist mit anderen Zellen mit etwa 15.000 anderen Schaltstellen verknüpft und sorgt dafür, dass das Richtige zur richtigen Zeit geschieht.

Klein: Nur weil dieses Zusammenspiel funktioniert, können wir uns an Szenen aus unserem Leben erinnern.

Monyer: Ja. Als wir an Mäusen diese Zellen lahmlegten, funktionierte auch ihr Gedächtnis nicht mehr. Offenbar sind die Interneuronen nötig dafür, dass aus vielen gespeicherten Einzelinformationen wieder ein Gesamtbild entsteht.

Klein: Sie sind die Dirigenten im Orchester der Erinnerung.

Monyer: So kann man es sagen.

Klein: Was eigentlich bringt uns dazu, uns zu erinnern?