Dies ist eine Vermisstenanzeige. Gibt es das Parlament eigentlich noch? Manchmal habe sie das eigenartige Gefühl, gesteht Katrin Göring-Eckardt, die Vizepräsidentin, der Bundestag laufe ganz einfach weiter, debattiere über Kinderbetreuung, das "Leitprinzip Geschlechtergerechtigkeit", den Kaukasus und Roland Kochs Anmaßung, einen unliebsamen ZDF-Chefredakteur zu exterminieren – alles nicht unwichtig. Aber dass sich die Rahmenbedingungen für Staat und Politik radikal verändert haben, das merkt man gar nicht.

613 Abgeordnete können nicht blind sein für den Tsunami, der sich auftürmt. Das business as usual, das sie betreiben, kann man also eher als Abwehrreflex begreifen: Man immunisiert sich gegen die Außenwelt. Aber bitte, keine Ressentiments! Wer verdrängt nicht? Als Spiegel, in den wir schauen, ist dieses Parlament gar nicht schlecht. Und dennoch: Zuerst die Große Koalition und nun die Große Krise haben den Bundestag vollends in den Schatten gerückt.

Krisen sind nun mal die Stunde der Exekutive – das heißt es spätestens seit Helmut Schmidts Kanzlerzeiten. Im Parlament – gerade wird das "Enteignungs"-Gesetz diskutiert, das die Unions-fraktion so quält – taucht die Kanzlerin Angela Merkel zwar auf, redet diesem oder jenem ins Ohr, der sich öffentlich den Hypo-Real-Rettungsplänen widersetzt. Und dennoch bleibt sie praktisch unhörbar, strukturiert wird die öffentliche Debatte auf diese Weise jedenfalls nicht. Wer liefert diese Struktur, wenn nicht der Bundestag?

Aber das Parlament funktioniert wie ein selbstreferenzielles System. Im Haushaltsausschuss haben sie im Oktober das erste "Finanzmarktstabilisierungsgesetz" mit Mühe noch unter Kontrolle gehabt, glaubt der Ausschussvorsitzende Otto Fricke (FDP). Aber das Konjunkturpaket mit seinen Hunderten von Milliarden und das Folgegesetz zur Münchner Hypo Real Estate brachen so schnell über sie herein, dass sie kaum noch Amen sagen konnten. Wenn man nach endlosen Stunden hektischer Konsenssuche in der Großen Koalition als Parlamentarier doch wieder etwas "aufdröselt", räumt Fricke mit gewissem Verständnis ein, dann gilt man nur noch als Störenfried.

Und dann: Diese komplexe Materie! Wen überfordert sie nicht? Erfahrene Anwaltskanzleien schreiben Gesetzentwürfe für gestresste Ministerialbeamte. Zurechtgebogen wurde das Parlament oft von den Regierungen oder den Chefs. Jetzt aber kommt offensichtlich etwas Neues hinzu. Wie haben sie sich beispielsweise im Jahr 2005 zwischen rot-grüner Koalition und Opposition über den Haushalt gestritten. Um 23,4 Milliarden Jahresschulden hat die Opposition mit der rot-grünen Koalition gehadert – 2005. Alles Peanuts, alles Sorgen von gestern. "Alle müssen etwas tun, was vor Jahresfrist undenkbar erschien", seufzt Joachim Poß heute, "jeder muss für sich verarbeiten, dass wir in einer anderen Welt leben." Geahnt hatten sie in ihren Finanz- und Haushaltsausschüssen durchaus schon, dass es bald um ganz andere Dimensionen beim Subventionieren wie beim Schuldenmachen gehen könnte. Jahr für Jahr haben Abgeordnete und ganze Ausschüsse in New York und Chicago mit Fachleuten über Gefahren beratschlagt, die von einer Blase auf den Finanzmärkten ausgehen könnten. Wie Hypothekenbanken funktionieren, wollten sie wissen, erinnert Fricke sich. Jetzt wissen sie es.

Zwei bis drei von zwanzig Gesprächspartnern, peilt Poß grob über den Daumen, haben dringend gewarnt. Im März/April vergangenen Jahres seien es drei bis vier gewesen, immerhin. Viele, blickt er zurück, waren vertraut mit dem "Weltschattenfinanzmarkt", aber haben über die Risiken nicht sprechen wollen oder waren "Günstlinge des Systems". Aber haben nicht auch viele Journalisten die neoliberalen Wirtschaftsgesetze heruntergebetet, waren nicht auch sie blind? Die Frage nach "Wendehälsen" in allen Professionen wird derzeit häufig gestellt in den Fluren.

Beinah hätte selbst Oskar Lafontaine die Sache abgenickt

Über die Jahre hatten sie im Haushaltsausschuss vor allem ein Ziel vor Augen, einen ausgeglichenen Etat, schwierig genug, und jetzt "wurde es uns allen schwindelig". Die Milliardenrettungspakete haben "jede Vorstellung gesprengt". Bei der kleinen Parlamentsdebatte über das "Hypo-Real-Estate-Gesetz", wie manche es nennen, sind die Fachleute unter sich. Peer Steinbrück beherrscht den Jargon blendend. Bad banks, Schrottpapiere, Rettungsübernahmegesetz (bitte nachsprechen!) als "Ultissima Ratio", kein Sonderweg, Marktwirtschaft wird nicht ausgehebelt – so ungefähr erklärt er das gerade.