In diesem Gedenkjahr werden wir ihm wieder bitter unrecht tun, dem großen Staatenlenker Erich H. Hohnvoll dürfen wir, die Sieger der Geschichte, uns abermals erinnern, dass Honecker 1989 kurz vor dem Fall des deutsch-deutschen Raumteilers prophezeite: "Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben". Zitat Ende? Keineswegs. Der Prophet fuhr nämlich fort: "…wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind."

Sie wurden es, aber wie? Der übliche Gedenkkalender empfiehlt folgende Kerndaten des DDR-Untergangs: Kommunalwahl-Fälschung (7. Mai 1989), Tiananmen-Massaker mit SED-Applaus (4. Juni), Sperranlagen-Rückbau an der ungarisch-österreichischen Grenze, woraufhin im Sommer Hunderttausende freiheitliche DDR-Bürger gen Ungarn enteilten. Die Daheimgebliebenen demonstrierten massenhaft pro Wende, worauf am 18. Oktober Honecker stürzen musste und am 9. November, krabumms, die Mauer. WAHNSINN! FREIHEIT! Es folgte ein knappes Jahr finalen Ost-Gewusels, das am 3. Oktober 1990 so zwangsläufig wie volksgewollt in DIE DEUTSCHE EINHEIT gemündet sei.

Erinnerungsjahre stiften eine Illusion von Simultanität. Medial ermuntert, soll DAS VOLK unisono des Epochenbruchs gedenken. Was aber brach, welche individuelle Zeit sich wendete, das ist immer auch ein lebensgeschichtlicher Befund. Davon erzählt, jenseits aller Kollektivgedächtnis-Propaganda, die Literatur. Und damit sind wir endlich beim vorliegenden Buch.

Julia Franck hat ein Erinnerungskompendium herausgegeben. Zwei Dutzend Autoren äußern sich zum Thema Grenzübergänge. Nicht vertreten sind "›die üblichen Verdächtigen‹", wie die Herausgeberin schreibt: "die alte Garde der ostdeutschen Schriftsteller" und "die westdeutschen Sympathisanten mit der Linken". Günter Grass, im Buch enthalten, ist also endlich mal unverdächtig; das wird ihn mehr erfreuen als den Leser die Entdeckung, dass hier einfach zwei Kapitel aus Grass’ Buch Mein Jahrhundert übernommen wurden. Leider ist dies kein Einzelfall. Thomas Brussigs Beitrag entpuppt sich als 15-seitiger Auszug seines Romans Helden wie wir, Ingo Schulze hat gar 24 Seiten Handy in Julia Francks Buch gekippt. Andere Beiträge waren bereits an entlegener Stelle publiziert, so Friedrich Christian Delius’ eindrücklicher Text über das ausreisende Ost-Genie Thomas Brasch. Delius, damals Rotbuch-Lektor, verhalf Brasch zum Druck seines Erstlings Vor den Vätern sterben die Söhne und zur Ankunft im Westen. Obwohl Brasch seit 2001 im Dorotheenstädtischen Friedhof ruht, spürt der Leser Delius’ anhaltende Kränkung über den Undank des Egomanen.

Auch in Delius’ Text erscheint der heimliche Star des Buchs: der "Tränenpalast", der Grenzübergang Berlin-Friedrichstraße. Jens Sparschuh (Ost) hat ihm bereits 1988 einen Nachruf verfasst – damals gewiss literarische Notwehr gegen die Zwangssesshaftigkeit im eigenen Land und die in Ost wie West verinnerlichte Teilung Berlins. Uwe Kolbe (Ost-West) begrübelt das Abfinden mit deutschen Tabus als "Schweigen über Gräbern". Viola Roggenkamp und Judith Kuckart (West) protokollieren die bürokratischen Scharmützel des Grenzübertritts. Wenn Westbesuch von derlei Beschwernissen erzählte, lauschten DDR-Bürger äußerlich zustimmend, doch mit inwendig verleierten Augen: Eure Sorgen hätten wir gern!

Das Volk, das nach dem Fall der Mauer eins sein wollte, sollte oder musste, hatte sich elementar auseinandergelebt. Dieses Geständnis liest man immer mit Dank. Thomas Hettches Beitrag Ostblock wirkt wie eine Verweigerung des Themas. Hans-Ulrich Treichel erzählt in Meine Grenze war die Fensterbank von der Kerze, die alldort stand und gen Osten leuchtete, in memoriam von Onkel Gustav, Tante Käthe und Cousine Lolita. Die litten in Thüringen unter der Russenknute, schickten jedoch zur Adventszeit einen ehrfurchtgebietenden Dresdner Stollen. Dagmar Leupold berichtet vom schulischen Päckchenpacken für darbende Brüder und Schwestern in der Sowjetzone: "gänzlich frei von den einen Schenkenden auszeichnenden Gefühlen". Nun, ähnlich empfand der Rezensent im DDR-Russischunterricht, wenn Liebesgaben an unbekannte, jedoch zutiefst befreundete Leninpioniere in der baschkirischen Stadt Ufa zu verschnüren waren.