Aha, das älteste Thema der Welt. An sich ist die romantische Liebe ja eine hübsche Sache; wäre da nicht die leidige Tatsache, dass wir Zweibeiner so wenig auf Treue gepolt sind wie Schwäne auf den fliegenden Partnerwechsel. Ein Dilemma, das bekanntlich schon so manchem Romanhelden den Tag versaut hat. Der Schriftsteller Rainer Merkel empfiehlt sich für das Sujet nicht zuletzt als diplomierter Psychologe. In seinem vorigen Roman – Das Gefühl am Morgen – erkundete er das komplexe Paarungsverhalten im Studentenmilieu der achtziger Jahre. Jetzt mutet er uns ungleich Schwierigeres zu.

© S. Fischer Verlag

Diesmal springt der Autor in die Gegenwart – und ans drohende Ende einer Liebesbeziehung. Also in jene Phase, wenn mit dem Nachlassen der Gefühle sich Überdruss, Entfremdung und Missmut in die Seelen schleichen. "Was eigentlich genau ist passiert, was genau ist schiefgelaufen?" An dieser Frage muss Thomas Kaszinski, ein kinderloser Familientherapeut mit Hang zu Callgirls, sich geradezu abarbeiten. Um seine Beziehung zu Judith zu klären und somit sein Leben wieder in den Griff zu kriegen, versucht unser Icherzähler die Ereignisse der vergangenen Monate zu rekapitulieren. Die gemeinsame Zeit in Amerika; seine heimlichen Eskapaden; Judiths Asthma-Anfälle; der Besuch einer Lucien-Freud-Ausstellung; ihre Schrulle, Hotelzimmern "auf Wiedersehen" zu sagen; der Aufenthalt im Haus ihrer Tante; seine Tagträume von Gabriela; das verkorkste Wochenende in New York. So folgt das Buch konsequent dem breiten Gedanken- und Erinnerungsstrom seines Protagonisten. Dessen Verwirrung und Unruhe korrespondieren dabei subtil mit einem scheinbar unkontrollierten, sprunghaft-assoziativen Erzählduktus.

Rainer Merkel gelingt es, aus all den fragmentierten Episoden, Empfindungen, Fantasien, also aus einem Minimum an Handlungsgeschehen sowohl atmosphärische Dichte wie auch interessante, vielschichtige Charaktere entstehen zu lassen. Vor allem jedoch entwickelt er in diesem Roman eine nachvollziehbare Beziehungskonstellation. Peu à peu erschließt sich dem Leser das Psychogramm eines Paares, wie man es als Therapeut wahrscheinlich des Öfteren zu sehen bekommt. Und genau das ist es wohl, was der Autor – bewusst oder unbewusst – zu bezwecken sucht: Unwillkürlich werden auch wir zum Seelendoktor und beginnen, diesen Fall zu analysieren.

Was bei Thomas und Judith durchaus seinen intellektuellen Reiz hat. Und zwar obwohl oder gerade weil wir es mit zwei nicht untypischen Vertretern unserer Kohorte zu tun haben: introvertierter, fischblütiger Kontrollfreak versus lebhafte, genussfähige Dauerdoktorandin. Die Ursache ihrer eskalierenden Krise meint man auf den ersten Blick zu erkennen: Kaszinski weiß sein Gemächt nicht zu zügeln, was bekanntlich irgendwann jede Zweierkiste in ihre Einzelteile zerfallen lässt. Indes, je mehr wir über Judiths Wesen und Walten erfahren, desto vertrackter wird der Kasus. Um tiefer zu ergründen, warum die Gegensätze sich hier nicht länger an- beziehungsweise ausziehen, würde man als lesender Analytiker allerdings gern auch die Partnerin mal für ein oder zwei Sitzungen dazubitten.

Vom literarischen Durchschnitt unterscheidet sich Merkels symbolisch hochaufgeladener, anspielungsreicher Roman derweil auch dadurch, dass er wahrnehmbar über die Darstellung privater Probleme hinauswill. Kaszinskis Beschwerden erscheinen bei näherer Betrachtung nämlich keineswegs bloß hausgemacht. Vielmehr laborieren die Figuren in einem gesellschaftlichen Kontext – und sagen mithin so einiges über das Chaos der Liebe im ordentlich durchsexualisierten Abendland. Dessen Schwanengesang anzustimmen liefe dem ästhetischen Programm dieses Autors freilich zuwider. Rainer Merkel beobachtet und beschreibt, Folgerungen und Wertungen überlässt er dem Leser.