Es ist noch nicht lange her, da klingelte in Louisville, Kentucky, das Telefon. Als sich am anderen Ende der Leitung ein gewisser Wim Wenders meldete, war das eine Überraschung, die die unerschütterliche Ruhe, mit der Will Oldham sonst sein Leben angeht, für kurze Momente aus dem Gleichgewicht brachte. Die Filme des deutschen Regisseurs, erinnert er sich, hätten in seiner Jugend durchaus einen prägenden Einfluss auf ihn ausgeübt. Nun verkehrten sich die Rollen. Wenders ersuchte darum, zwei bereits veröffentlichte Songs von Bonnie "Prince" Billy, Oldhams künstlerischem Alter Ego, auf der Tonspur seines aktuellen Films Palermo Shooting verwenden zu dürfen. Ein Anliegen, das Oldham, so leid es ihm tat, ablehnen musste: Er könne doch nicht verkaufen, was bereits verkauft ist, schon längst bei anderen Menschen im CD-Regal steht, ließ er einen perplexen Wenders wissen. Während Oldham diese kleine Episode erzählt, lächelt er so still und selbstzufrieden durch seinen flauschigen Kaiser-Wilhelm-Bart, wie nur jemand zu lächeln vermag, der überzeugt ist von seinen Prinzipien – seien sie auch noch so eigenwillig.

An Prinzipien mangelt es diesem Prinzen wirklich nicht. Ob es um Songs geht, die man aus moralischen Gründen auf keinen Fall ein zweites Mal veröffentlichen darf, oder um die beträchtliche Menge seines Outputs im Allgemeinen – dreinreden lässt er sich von nichts und niemandem. Oldham produziert seit mehr als anderthalb Jahrzehnten in einer Frequenz Schallplatten, die dem Charakter seiner Musik diametral entgegensteht. Beware, die neueste Sammlung eher gemächlicher, immer berückend melancholischer Lieder, ist bereits das dritte Album in den vergangenen zehn Monaten. Alles andere, sagt er, sei ein künstlicher Zwang, "die Gehirntätigkeit zu verlangsamen". Auch um die Wiedererkennbarkeit seines Produkts ist ihm nicht bange. Oldham hat unter den Pseudonymen Palace Brothers, Palace Songs und Palace Music Platten herausgebracht, er nannte sich Superwolf, manchmal bürgerlich Will Oldham, meistens aber in den letzten Jahren Bonnie "Prince" Billy. Schnöde Überlegungen, ob das die Marke stabil hält, sind ihm gänzlich fremd, ja, er scheint sogar ein gewisses Vergnügen dabei zu empfinden, die Gesetze der Musikindustrie zu sabotieren. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Werbung ein Fremdwort für ihn ist, dass er auf Tour geht, wann es ihm passt, und in Interviews immer so maulfaul wirkt, als müsste er sich jedes Wort einzeln überlegen.

Das Schratige und Kantige, Wortkarge und Selbsternannte kann Oldham sich leisten: Seine Musik findet auch ohne sein Zutun ihren Weg zu den Menschen. Längst ist der 38-Jährige zu einem unheimlichen Star geworden. Johnny Cash hat drei Jahre vor seinem Tod Oldhams I See A Darkness gesungen, Björk hat gar ein Lied über ihn geschrieben. Und nicht nur Kollegen schätzen ihn. Gerade sein Status als wohlgehütetes Geheimnis bringt es mit sich, dass eine treue, mittlerweile gar nicht mehr so kleine Anhängerschar ihm alles, was er veröffentlicht, aus den Händen reißt. Zwar schaffen es seine Alben selten in die Top 200 der Charts. Aber seine Konzerte in der ganzen Welt sind stets ausverkauft. Fast jeder, der seine Stimme hört, erliegt ihrem schwer zu benennenden Reiz. Oberflächlich stoisch, darunter zerbrechlich wie ein aus der Gnade gefallener Engel trägt Oldham seine Songs vor, während weiter hinten eine verhuschte Akustikgitarre scheppert, eine Fidel sanfte Tupfer setzt und verlorene Seelen dazu im Chor jammern. Gern missbrauchen seine Lieder klassische Country-Strukturen, berühren den Blues und den Folk, durchmessen also jenes Gebiet, das mangels einer treffenderen Beschreibung Americana genannt wird. Oldham hasst diesen Begriff, vor allem dank seiner Stimme fehlt seinen Liedern jene wohlig-sentimentale Sicht auf uramerikanische Konventionen, die das Genre bei seinen Anhängern so erfolgreich gemacht hat.

Auch Singer/Songwriter will er sich nicht schimpfen lassen: Nichts, sagt er, liege ihm ferner als die Offenlegung seines Gemütszustandes. Und, Gott bewahre: Möge bloß niemand in Versuchung geraten, den Sänger und seinen Song gleichzusetzen. Dass es sich dabei um eine Konvention, man könnte fast sagen, eine Verabredung zwischen Star und Publikum handelt, ist ihm schnuppe. Wenn seine Fans ihn mit Haut und Haaren für sich und ihre Zwecke reklamieren, "dann bin ich wohl kein Singer/Songwriter", sagt Oldham trocken.

Die Distanz zu seinem Publikum zu wahren – dazu vor allem dient das Pseudonym Bonnie "Prince" Billy. Ab und zu, stöhnt Oldham, erreichten ihn Briefe daheim in Louisville, in denen Menschen, ihm gänzlich unbekannte Menschen, behaupten, einer seiner Songs handele von ihnen. Um dem vorzubeugen, inszeniert er Bonnie "Prince" Billy als Rolle, so wie er hin und wieder als Schauspieler in amerikanischen Independent-Filmen mitwirkt. Ein Regisseur eigener Art ist Oldham in seinen Songs: Sie handeln vornehmlich von einsamen Seelen, die den Tod kaum erwarten können, oder notorischen Verlierern, die an der eigenen Unzulänglichkeit leiden. "The more I feel myself", lässt Oldham diesmal seinen Bonnie singen, "the more alone I am."

Nun könnte man – allerdings gegen des Sängers Widerstand – die autobiografischen Züge seiner Charaktere erforschen; ausreichend Material für Dauerrecherchen in der Tradition der Dylanologie böten die vielen hundert Songs, die er bislang geschrieben hat. Ihr größerer Reiz allerdings liegt in den Widersprüchen, die Oldhams Musik problemlos auszuhalten scheint. Das meist niedergeschlagene Personal seiner Songs erfüllt nur auf den ersten Blick die üblichen Anforderungen an die Trost- und Trauerfunktion von Musik. Mögen die Songstrukturen auch simpel sein und mag sich die Instrumentierung ganz offensichtlich an die Konventionen amerikanischer Volksmusiken anlehnen – genauso selbstverständlich werden deren Klischees auch außer Kraft gesetzt. Immer wieder bricht Oldham die selbstmitleidige Grundhaltung seiner Charaktere durch einen sarkastischen, bisweilen auch derben und obszönen Humor. Der Protagonist von Heart’s Arms wird süchtig nach seiner eigenen Hilflosigkeit, der Antiheld aus You Don’t Love Me richtet sich wohlig darin ein, nur zweite Wahl zu sein, und in There Is Something I Have To Say ist Liebe etwas, was in einer Schachtel unter dem Bett verstaut wird – wie ein Gegenstand. Selbst sexuelles Scheitern ist nur eine weitere Beschämung in dem schier unendlichen Arsenal an Möglichkeiten menschlicher Misserfolge, die Oldham in seinen Songs geradezu genüsslich durchexerziert.

Indem er alle Ambitionen des Lebens der Lächerlichkeit preisgibt, das Versagen geradezu im Schilde führt, gibt Bonnie "Prince" Billy denen, die an sich selbst verzweifeln, ein wenig Hoffnung zurück. So kann sogar der Tod, das allerletzte Missgeschick, bei ihm keinen Schrecken entwickeln: Dem Sensenmann begegnet Oldham stets mit leichtem Spott in der Stimme, in der die Arroganz dessen mitschwingt, der nichts mehr zu verlieren hat. Der Galgenhumor erreicht seinen Höhepunkt in I Don’t Belong To Anyone: Wenn niemand zu einem gehört, wenn man ganz allein ist in der Welt, singt Bonnie "Prince" Billy, dann ist es einfach, mit sich selbst seinen Spaß zu haben.