Beinahe wäre ihr das klassische Soulsängerinnenschicksal zuteil geworden: Ausgebeutet von kleinen Plattenfirmen, ein paar Hitsingles einzuspielen und dann zeitlebens in Kaschemmen aufzutreten, wo es nach Whiskey, Soulfood und billigen Parfums riecht – und der Veranstalter anschließend mit der Kasse durchbrennt. Ein kleines Wunder, dass Candi Staton, geboren 1940 in Hanceville, Alabama, Jahrzehnte später von europäischen Soul-Fanatikern heiliggesprochen wird. Ein junges Publikum ist dabei, das Mysterium ihrer Stimme wiederzuentdecken. Einer Stimme, die, geprägt von Armut, Kirche, Alkoholismus und diversen gescheiterten Ehen, in jeder Silbe mehr Drama aufblitzen lässt als eine Amy Winehouse auf der Länge eines Albums.

His Hands hieß die CD, mit der Staton vor drei Jahren zu einem fulminanten Comeback ansetzte. Soeben ist der Nachfolger Who’s Hurting Now erschienen, auch er baut vor allem auf die Macht von Statons Gesangs, mit dem sie, neben Aretha Franklin und Mavis Staples, in den Sechzigern den Soul als Seelentragödie definierte: die Kunst, sein Herz ungeschützt durch den Stacheldrahtverhau des Lebens zu tragen. Ohne etwas Hilfe nachgeborener Freunde allerdings hätte sie kaum den Weg zurück gefunden: Nur einige Vinyl-Sammlerstücke hielten die Erinnerung an ihre Stimme wach. Bis ausgerechnet die Indie-Rocker Will Oldham und Mark Nevers von der Band Lambchop sie mit neuen Songs ins Studio lockten. Und der Ex-Blur-Sänger Damon Albarn nahm sie auf seinem hippen Label Honest Jon’s unter Vertrag.

Das Albumcover zeigt eine freundliche ältere Dame. Kann das dieselbe Vamp-Frau sein, deren Gesicht vor vierzig Jahren für Titel wie I’m Just A Prisoner warb? Die in ihren Songs von Betrug, Ehebruch und Reue sang und, nicht zuletzt unter dem Einfluss gewalttätiger Ehemänner, ein ganzes Genre mitbegründete: den Cheatin’ Soul des amerikanischen Südens? Canzetta Maria Staton wollte einst durch Musik der Armut im ländlichen Hanceville, Alabama, entkommen, sie sang im Kirchenchor und pries auf Tournee den Herrn. Und bekam doch die Füße kaum auf den Boden. "In den Lokalen, in denen wir damals auftraten, ging es so rau zu wie heute in Rap-Clubs", erzählt sie. "Die Männer erwarteten kein Gospelmädchen auf der Bühne – und ich musste in schmierigen Kinos Pornofilme studieren."

I’d Rather Be An Old Man’s Sweetheart (Than A Young Man’s Fool) hieß die erste Single, die sie in Rick Halls Fame Studios in Muscle Shoals, Alabama, einspielte, nachdem ihre Stimme von ihrem gewalttätigen Ehemann und Produzenten zurechtgeschliffen worden war: Dutzende Male musste sie den gleichen Song singen – bis ihre Stimme so heiser und verletzlich klang, wie man es vom Southern Soul erwartet.

Candi Staton – der Name stand für die tausend tragischen Geschichten, die die Psyche des schwarzen Südens spiegeln, für Kirche und Sex, Schmerz und Himmelfahrt. Eine Karriere, von der sie sich Anfang der achtziger Jahre verabschiedete, um, nach einem kurzen Zwischenspiel als Discodiva, zu ihren Anfängen zurückzukehren. Das Ergebnis: ein Dutzend Gospelalben und die Kirchenshow Say Yes bei Trinity Broadcasting Network, Amerikas größtem christlichem Fernsehsender.