Es waren Männer wie nicht von dieser Welt. Sie wuchsen bis in ihr vierzigstes Lebensjahr und waren überdurchschnittlich groß. Mit gewaltigem Brustkorb und enormem Schalldruck sangen sie in schwindelnder Höhe, an Strahlkraft jede Sopranistin hinter sich lassend, an Sex-Appeal jeden Rivalen – Seitensprünge mit den durchaus potenten Kastraten blieben natürlicherweise kinderlos. Gut zweihundertfünfzig Jahre weilten diese Saurier des Gesanges auf dem Planeten, die letzten erreichten noch das 20. Jahrhundert. Vor allem die barocken Komponisten haben ihnen ein gewaltiges Repertoire komponiert. Die Geschichte der Countertenöre hingegen ist jung, sie beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie handelt ebenfalls von Außenseitern, die es ins Zentrum schaffen.

Der derzeit populärste Countertenor ist zugleich der jüngste. Vor elf Jahren erst begann Philippe Jaroussky, jetzt 31, ernsthaft mit dem Singen. Mittlerweile hat er rund 25 CDs mit renommiertesten Barockensembles produziert und Preise gewonnen, von denen Altisten früher nur träumen konnten. Er füllt mit Arienabenden Konzertsäle – und stellt erst mal klar, dass keiner den Kastraten das Wasser reichen kann. "Es gibt viele Arien für sie, die wir nicht singen können, sie sind zu hoch." Auch wo die Tessitura zu ihm passt, muss er tricher, wie er sagt: mogeln. "Die Kastraten konnten eine ganze Seite singen, ohne zu atmen. Sie hatten ein enormes Lungenvolumen. Ich muss häufiger atmen, das ändert nicht viel an der Musik. Aber das Barockpublikum hat auf diese langen Phrasen ohne Atem gewartet." Und natürlich auf den überirdischen Effekt, so viel Lungenkraft durch einen Kinderkehlkopf gebündelt zu hören.

Die Töne des Philippe Jaroussky haben eine andere Magie, anders auch als die seiner Kollegen, die er mit dem "wir" umfasst wie eine Familie. Rund klingt seine Stimme, kein bisschen angeschärft, wie das leicht passiert, wenn beim Falsettgesang nur die Stimmbandränder schwingen, oder forciert bis zur Trompetenhaftigkeit. Und wo bei anderen in tieferen Lagen schon Baritonfarbe anklingt, tönt Jaroussky – ja, wie eigentlich? Weiblich? Engelhaft? Natürlich? Organisch verbinden sich die Register, organisch verbindet sich wiederum das Timbre mit der Gestaltung der Silben, Worte, Affekte, der Gefühlslinien bei Händel und Vivaldi. Freilich haben schon drei Generationen von Countertenören – seit dem legendären Alfred Deller im England der fünfziger und sechziger Jahre – daran gearbeitet, die barocke Musiksprache neu zu beleben.

Dabei ist eine stilistische Sicherheit und Geschmeidigkeit entstanden, an die in dritter Generation – nach René Jacobs und Paul Esswood – so unterschiedliche Sänger wie Andreas Scholl und Kai Wessel, David Daniels und Michael Chance anknüpfen konnten und jüngere wie Fabrice de Falco. Der bescherte Philippe Jaroussky, was er seine vocation, seine Berufung nennt. "Er sang Farinellis Arien, und ich war hypnotisiert. Ich dachte, ich kann das auch!" Bis dahin hatte er nur vor sich hin geträllert, aber schon eine musikalische Ausbildung genossen. Auf Anraten eines Musiklehrers hatten Philippes Eltern, musikalisch nicht speziell interessiert, ihm Geigen- und Klavierunterricht geben lassen. "Ich konnte mühelos Partituren lesen, als ich mit den Gesangsstunden begann."