Papst Urban VIII., von 1633 bis 1644 im Amt, hatte es sich zum Ziel gesetzt, seinen Kirchenstaat schöner und sicherer zu machen. Es waren, um das Mindeste zu sagen, ungemütliche Zeiten. Weiter nördlich tobte ein nicht enden wollender Krieg, und der Protestantismus wurde, namentlich in Deutschland, immer stärker. Urban igelte sich komfortabel ein, begründete unter anderem Castelgandolfo als Sommersitz und war den schönen Dingen, aber auch dem schnöden Geld auf außerordentliche Weise zugetan. Beliebt machte er sich so nicht. Als er starb, tanzten die Römer auf der Straße.

Von all dem eher unbeeindruckt, regierten Virgilio Mazzocchi, Giacomo Carissimi und Girolamo Frescobaldi den musikalischen Betrieb. Mazzocchi war als Kapellmeister an den gerade neu erbauten Petersdom berufen worden, Carissimi amtierte bei den Jesuiten vom Collegio Germanico, und Frescobaldi war als Domorganist gewissermaßen die rechte Hand von Mazzocchi. Ist es ein Wunder, wenn sich keine großen Brüche ergeben, hört man die Psalmen, Antifonen und Marienhymnen ein Stück nach dem anderen?

Welch subtile individuelle Freiheiten und Extravaganzen sich die drei Kirchenmusiker gleichwohl gestatteten, ist sofort zu merken, wenn Konrad Junghänel mit dem so präzise wie überirdisch schön agierenden Cantus Cölln und dem Concerto Palatino zum Vergleich auf den 1594 gestorbenen Tonsetzer Palestrina zurückgreift. Als würde im Petersdom mit einem Schlag die Sonne aufhören zu scheinen: Fast grau in grau wirkt das Avis maris stella, vor allem, weil direkt danach eine Magnificat- Vertonung von Mazzocchi erklingt.

Mazzocchi ist Palestrinas Kontrapunktik selbstverständlich in Fleisch und Blut übergegangen. Allerdings lässt er es nicht dabei bewenden. Immer wieder blitzt auf, dass er nicht nur als Diener Gottes mit dem Material umgehen will, sondern seine Emanzipation als Künstler betreibt. Fast den Rahmen sprengend, schreibt er für seine Sänger brillante Partien. Gut möglich, dass Mazzocchi als Kirchenkomponist manchmal sogar von der künstlerischen Ausrichtung seines Nebenjobs profitierte. Schließlich war er in Teilzeit beim Kardinal Francesco Barberini angestellt, den Urban VIII. vetternwirtschaftlich versorgte. Barberini wiederum besaß ein ausgesprochenes Faible für den Fasching – und Mazzocchi musste ihm die Musik dafür liefern. Aber das wäre eine andere CD.