Baptiste Trotignon, 1974 geboren, ist als Pianist zwischen einer institutionellen klassischen und einer autodidaktischen Jazz-Ausbildung groß geworden. Als Improvisator einer jüngeren Generation liebt er "die Universalität der Musik". Er fühle sich nicht mehr als Franzose denn als sonst was, und der Jazz sei ja ohnehin zu einer Art "Weltmusik" geworden.

Damit meint Trotignon nicht "world music" im Sinn jener Musik ohne Eigenschaften, welcher im Streben nach dem größten gemeinsamen Nenner der letzte Rest Authentizität abhanden gekommen ist; vielmehr, dass eine im Ursprung afroamerikanische Fusionsmusik zu einer eigentlichen Lingua franca geworden ist. Natürlich, sagt Trotignon, sei die Kultur der afroamerikanischen Musik "drüben" mehr präsent als in Europa, auch wenn der europäische Jazz inzwischen seine Identität gefunden habe.

Wenn Europäer mit Amerikanern zusammenarbeiten, suchen sie längst nicht mehr nur die prominente Affiche, die ihnen beim eigenen Publikum Respekt verschafft (der amerikanische Markt, für US-Jazzer schon hart genug, bleibt ihnen ohnehin verschlossen). Sie improvisieren auf Augenhöhe mit ihresgleichen.

Seine jüngste CD hat Trotignon in New York eingespielt, mit dem Bassisten Matt Penman, den (alternierenden) Drummern Eric Harland und Ottis Brown III und, in den schönsten Stücken, den Bläsern Tom Harrell und Mark Turner. Trotignon, mal sublim melodiös, mal wirbelnd aggressiv, entwirft einmal im Duo, siebenmal im Trio, einmal im Quartett und zweimal im Quintett eine funkelnd vielfältige Abfolge von Eigenkompositionen. Die sind allesamt mehr als Anlässe für solistische Selbstverwirklichung.

Zu seiner gelegentlichen Irritation, aber nicht ohne Grund mit Brad Mehldau verglichen (die Kultur des Anschlags, das Timing!), verleugnet Trotignon die klassische Herkunft nicht. Seine melodische Intensität hat er seit den Tagen entwickelt, da er als ganz junger Korrepetitor an der Oper von Nantes Sänger begleitete. Sie prägt vor allem die Balladen. Harrell, der aus dem innersten Auge des Hard Bop kommt (Phil Woods), bläst hier ein gelegentlich fast zum Flötenklang sublimiertes Flügelhorn, und Turner (der schon auf Enrico Ravas neuem ECM-Album in einer ätherischen Aura schwebt) ist ein kongenialer Partner für diese neue Art von pulsierendem Cool Jazz, dessen Reiz das Oszillieren zwischen Distanz und intimer Nähe ausmacht. Schönheit aus naher Ferne, sozusagen.

Baptiste Trotignon, Share, Naive Records