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Ein zarter, lang gehaltener Ton im mittleren Register des Tenorsaxofons, weich, durchlässig und voll hörbarer Atemluft. Dann ein zweiter, einen Halbton darunter, verhalten, tastend, die Keimzelle einer Melodie. Die erste Zellteilung führt einen Schritt in die Höhe, die nächste wieder nach unten, weitere verschieben die Gewichte im Takt, und langsam entwickelt sich aus dem Halbton-Motiv der stabile Bogen einer Melodie. Ein Kontrabass und dann ein zweiter untermauern sie mit sparsamen, im freien Kontrapunkt verlaufenden Linien, nach einer guten halben Minute zerschneiden perkussive Akzente vom Schlagzeug die Zeit. Diese Musik scheint ganz von vorne zu beginnen, um in unerschlossene Gebiete aufzubrechen. Uncharted heißt das erste Stück auf der neuen CD des Tenorsaxofonisten Joshua Redman. Sosehr dieser Entdeckungsreisende dem Jazz im engeren Sinn verbunden bleibt – mit dieser Aufnahme wird deutlich: Der Tenorsaxofonist hat seine Lehrjahre abgeschlossen und einen eigenen Ton entwickelt, cool, kantig und voll reflektierter Energie.

Joshua Redman wurde 1969 in Berkeley, Kalifornien, geboren als Sohn des Tenorsaxofonisten Dewey Redman, der zu jener Zeit an der Seite von Ornette Coleman zu einem der Stars des Avantgardejazz reifte. Redman jr. ist nicht der einzige Nachgeborene der Jazzmoderne, der in diesen Tagen mit einer neuen Veröffentlichung die Anerkennung als eigenständiger Musiker einfordert. Auch Ravi Coltrane, der 1965 geborene Sohn von John Coltrane, sowie Branford Marsalis, Jahrgang 1960, ältester in der Reihe der Musikersöhne des Pianisten und Jazzpädagogen Ellis Marsalis, zeigen mit neuen Aufnahmen, dass sie die Bürde der Jazzgeschichte hinter sich gelassen haben. Beide bevorzugen einen etwas konventionelleren Rahmen als Redman; beide wählen das klassische Format des Quartetts, in dem John Coltrane vor bald einem halben Jahrhundert die Form fand, in der er das Tenorsaxofon zur Majestät unter den Jazzinstrumenten krönte. Und beide, Ravi Coltrane wie auch Branford Marsalis, legen Wert auf den Gruppenklang, auf die Intensität des Zusammenspiels, die sich nur in eingespielten Formationen entwickelt.

Auf Blending Times untersucht Coltrane mit seinem Quartett rhythmische Konzepte, lässt freie Rubati auf funky Backbeats folgen, hart swingende Passagen auf wuchtige Two-Beat-Akzente, kraftvolle Up-tempo-Nummern auf hymnische Choräle auf zarte Balladen. Er heizt die Versuchsanordnung mit der gelassenen Ruhe seines kraftvollen Spiels an, das aber nie den Kontext der Vierergruppe sprengt. Der Saxofonist treibt ein intellektuelles Spiel mit der Geschmeidigkeit und Wandelbarkeit der Formen, doch im Zusammenklang des Quartetts lädt es sich emotional auf.

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Wie immer stellt Branford Marsalis auch in Metamorphosen das ungeheure technische Vermögen jedes einzelnen Musikers in seinem Quartett heraus, das seit zehn Jahren zusammen spielt. Mit beängstigender Präzision springt es zwischen erdig swingendem Hardbop-Hymnenton, sensiblen, impressionistischen Klangzerlegungen, verqueren dissonanten Melodielinien; schließlich lässt es sich fallen in eine Melancholie, die umstandslos die Erinnerung an verregnete Kinoabende hervorbringt. Klavier, Bass, Schlagzeug und Saxofon knüpfen ein Netz, in dem sich die Spannungszustände dieser heißkalten Musik in jedem Moment in jede erdenkliche Richtung entladen können. Marsalis’ Bewegungsfreiheit ist hart erarbeitet und hoch spannend.

Ein erweitertes Trio, zwei Quartette – die Formate und Methoden, die die drei Saxofonisten auf ihren Alben durchdeklinieren, sind nicht neu, sie beziehen sich auf historische Referenzen. Doch sie tun dies so lässig wie selbstbewusst und drücken ihrer Musik einen gegenwärtigen, persönlichen Stempel auf. Tief in der Tradition verwurzelt, formulieren er so eine ironische Pointe zu den Lagerkämpfen, die den Jazz in den vergangenen 25 Jahren prägten. Die Jazzszene war in zwei Lager gespalten. Im Lager der Coolen lümmelten Musiker herum, für die Jazz keine fest umrissene Größe war, sondern ein gewachsenes Feld, in dem sich jeder neue Musiker eine eigene Position zu erarbeiten hatte. Hier galt das Originalitätsgebot der Avantgarde, und man interessierte sich für jede Musik, die man kriegen konnte: Die einen tauchten ein in die rhythmischen und melodischen Welten Asiens, andere borgten beim Rock oder bei der schwarzen Tanzmusik kinetische Energie, wieder andere ließen sich von den elektronischen Klangwelten und Strukturexperimenten europäischer Neutöner locken oder der großen Freiheit der Improvisiererszene. Die Möglichkeiten waren grenzenlos, die Wege so vielfältig und verschieden wie die beteiligten Musiker, und von Gemeinsamkeit war eher selten die Rede. Am anderen Lagerfeuer saßen die young lions, junge Streber, die übten, bis sie alles, was die Altvordern entwickelt hatten, doppelt so schnell und viel sauberer spielen konnten. Jazz war hier eine definierte Kunstform mit unverrückbaren Regeln, die es nur noch zu polieren und in den Rang einer bürgerlichen Kunstform zu heben galt. Deshalb war der Klang selbstverständlich akustisch, der Rhythmus swingte, die Stücke folgten den Standardformen: 12 Takte für den Blues, 32 für die Übernahmen aus dem American Songbook.

Auch Branford Marsalis und Joshua Redman waren als junge Löwen schnell zu Bekanntheit gekommen. Ravi Coltrane dagegen verbrachte die prägenden Jahre nach dem Studium eher im schattigen Umfeld von Uravantgardisten wie dem Schlagzeuger Elvin Jones, der schon mit seinem Vater gespielt hatte, in den achtziger Jahren aber zunehmend an den Rand des Jazzbusiness gedrängt wurde. Heute betont Coltrane, dass für ihn die Geschichte des Jazz nicht interessant sei, dass es ihm auch keineswegs darum gehe, den Jazz vor dem Vergessen zu bewahren, als sei er eine bedrohte Art. Die beiden Kollegen sagen längst das Gleiche. Das Bewahren des Erbes ist nicht ihr Kampf. Sie knüpfen nur an überlieferte Klangmodelle an und interpretieren sie vor ihrem eigenen musikalischen Horizont, der um ein Vielfaches weiter ist als derjenige ihrer Vorläufer. Nun geht es ihnen darum, aus der Tradition heraus zu neuen Ufern aufzubrechen.

Joshua Redman: Compass (Nonesuch/Warner)
Branford Marsalis Quartet: Metamorphosen (Marsalis/Universal)
Ravi Coltrane: Blending Times (Savoy Jazz, in Deutschland nur als Import oder auf elektronischem Weg zu erhalten)