Wer erinnert sich noch daran, dass die Ästhetik des Jazz auch mal eine des Widerstands, der Revolte war? We Insist! Freedom Now Suite! nannte Max Roach 1960 eine LP. Da war 1968 noch fern, der Vietnamkrieg hatte noch nicht begonnen, und kaum einen europäischen Intellektuellen kümmerte, was schwarze Amerikaner bewegte, also auch Jazzmusiker: der Montgomery-Bus-Boykott, die Anfänge von Martin Luther King, Little Rock in Arkansas und dessen Gouverneur Orval Faubus, dem Charles Mingus das ätzende Stück Fables of Faubus widmete.

In Südafrika hatten die Musiker bessere Antennen: Jazz, dieses genuin interkulturelle Phänomen, war Protestmusik gegen die Apartheid. Zumal wenn ein weißer Pianist, Chris McGregor, sich Partner aus den Townships suchte und die Gruppe The Blue Notes nannte. Das war mehr als eine musikalische Anspielung. Ihr Drummer wurde 1963 Louis Tebugo Moholo. Dass das Regime die Band im Jahr darauf nach Europa ausreisen ließ, war weniger ein Akt der Großzügigkeit als eine Abschiebung. Die Blue Notes spielten einen hinreißend rauen, wilden, "unperfekten" Hardbop: Jazz als Art brut. Sie schlugen sich mit jämmerlichen Gigs in der Schweiz durch, bevor sie, künstlerisch nachhaltig und kommerziell wirkungslos, in die britische Jazzszene einbrachen.

Zwei Jahre zuvor war ein anderer Pianist aus Kapstadt nach Zürich gekommen. Er nannte sich damals noch Dollar Brand, und der Schlagzeuger, der ihm dorthin folgte, hieß Makaya Ntshoko. Im Trio mit dem Bassisten Johnny Gertze verblüfften sie das Publikum, das nichts anderes gewohnt war als amerikanische Stars oder deren europäische Klone. In dieser völlig eigenständigen Musik flossen Jazz (Monk und Ellington), afrikanische Folklore und europäische Choraltradition zusammen, eine Mischung, die Brand unter dem Namen Abdullah Ibrahim nach dem Umzug in die USA berühmt machen sollte. Ntshoko blieb in Europa. Er spielte mit nach Europa emigrierten Amerikanern (von Dexter Gordon bis Ben Webster), hatte aber mit seinen eigenen Gruppen jenseits der Jazz-Orthodoxie (unter anderem mit Heinz Sauer, Bob Degen und Isla Eckinger) wenig Fortüne. Am ehesten bekannt wurde er noch durch die Arbeit mit Mal Waldron. In den Achtzigern verschwand er von der Szene. Jetzt, mit knapp 70 nach wie vor ein expressiver "afrikanischer" Perkussionist, ist er mit den New Tsotsis zurück, den Baslern Stephan Kurmann am Bass und Andy Scherrer, einem hinreißenden Melomanen, am Tenorsaxofon. Und mit Vera Kappeler, einer jungen Pianistin, deren sanfte Erscheinung ihren musikalischen Eigensinn drastisch kontrastiert: kühne Akkorde, immer leicht aus dem Lot gekippte Melodielinien, schön und beunruhigend. Die neuen Tsotsis spielen etwa vier Stücke von Ornette Coleman – aber so, wie der selbst sie sich nicht geträumt hat.

Louis Moholo, ein paar Monate jünger als Ntshoko, war, bis zu seiner Rückkehr nach Südafrika, in Europa präsenter als Makaya, zumal in der avancierteren britischen Szene. CDs mit Keith Tippett, Cecil Taylor und Irène Schweizer machten ihn zu einem Spezialisten für Dialoge mit Pianisten. Jetzt legt er einen neuen vor – mit der vielseitigen Marilyn Crispell. Eine voraussetzungs- und bedingungslos spontane Kollektivimprovisation, live aufgenommen in Baltimore 2007. Mal wild, mal mild, gelegentlich mit einer an Ibrahim erinnernden aufrauschenden Hymnik und immer ein Pas de deux am Abgrund entlang.

Mayaka & The New Tsotsis: Happy House, Steeple Chase
Louis Moholo-Moholo: Duets with MArilyn Crispell – Sibanye (We Are One), Intakt