Werden Musiker unter Salzburgs Sonne geboren, müssen sie lebenslang Witze über ihren Lokalbonus ertragen. Als werde musikalische Kompetenz auf der Getreidegasse verteilt – na servus! Andererseits ist Salzburg ein Biotop, in dem die Größten der Branche jedes Talent vor Ort prächtig düngen. Im vertrauten Gemäuer der Festspielhäuser und der Felsenreitschule konnte auch der Bub Thomas Zehetmair lauschen, konnte schauend und staunend die Sonne des Glanzes spüren. Er sah von klein an, wohin Kunst einen führen kann. Doch erst spät zeigt sich, ob Salzburg seinen Kindern auch Informationen zu Mozart zukommen lässt, die über den Rokoko-Nippes hinausgehen. Vielleicht ist Salzburg mit seinen teuren Kunstübungen ja auch die schlechteste Akademie für einen, der einen eigenen Weg zur Kunst und zu ihrem Genius finden will.

Thomas Zehetmair, 1961 in Salzburg geboren, galt schon mit Milchzähnen als Wunderkind, er gab früh Konzerte in seiner Heimatstadt (natürlich abseits vom Parnass der Stars), aber über seiner Laufbahn lag der Schatten einer gewissen Gründlichkeit und Nachdenklichkeit, als andere schon die Weisheit gefunden zu haben glaubten. Daraus sprach kein auferlegter Skeptizismus, sondern die angeborene Scheu, die Dinge für einfacher und glatter zu halten, als sie sind. Und bei Mozart, das wusste Zehetmair früh, muss man besonders viel nachdenken. Er erkannte ihn als den großen Verunsicherer, den unergründlichen Apoll, den man umkreisen, aber nicht besitzen kann.

All dies kommt einem jetzt vor wie notwendige Bedingungen, unter denen seine herrliche Aufnahme aller Violinkonzerte Mozarts gedeihen konnte. Zehetmair wird hier begleitet vom wunderbar backstubenfrisch klingenden Orchester des 18. Jahrhunderts unter Leitung von Frans Brüggen. Die erhebende Qualität zeigt sich nicht nur darin, dass man kein Stäubchen auf diesem Mozart wahrnimmt. Aus der Musik spricht eine kostbare Gelassenheit, die sich nicht mit Vorsatz erklären lässt. Es handelt sich um die Kompetenz eines Musikers, der weiß, wie es geht, aber die Frage unbeantwortet lässt, wie dieses Wissen zustande gekommen ist. Man ist geneigt, zu vergessen, wie viel Nachdenken Zehetmair investiert hat, um diese Natürlichkeit zu erzeugen. Alles ist da: Geist und Witz, Melancholie und Spritzigkeit, Spontaneität und Raffinement und eine makellose Technik. Trotzdem hört man nicht Zehetmair, sondern Mozart.

Womöglich wurden die Aufnahmen deshalb so schön, weil sie am Ende des langen Schattens entstanden, den Salzburg warf. Sie waren, zwischen 2000 und 2005, das Ergebnis von Konzerten in Brasilien und den Niederlanden, und sie wurden nicht bei einem der großen Labels, sondern bei der spanischen Firma Glossa veröffentlicht. Beim Vertrieb Note 1 redet man über diese Mozart-Aufnahme mit einem leisen, fast sibyllinischen Ton. Von den Aufnahmen über den Schnitt bis zur Veröffentlichung war es ein langer ruhiger Weg – und immer kam etwas dazwischen. Zwischenzeitlich wurden sie vielleicht sogar vergessen. Trotzdem wirken die Einspielungen, als seien sie auf dem aktuellen Gipfelpunkt der Einsicht entstanden. Und das liegt nicht nur am sparsamen Gebrauch des Vibratos.

Im Katalog ist Zehetmair ein Wandergeist und bei mehreren Labels vertreten, das beweist seine künstlerische Offenheit. Standardrepertoire hat er bei Teldec vorgelegt. Karol Szymanowskis Konzerte hat er, vibrierend vor Hingabe, mit Simon Rattle für die EMI aufgenommen. Als Anwalt des Spröden, Beschützenswerten wird er auf der Künstlerliste von Berlin Classics gesichtet. Exoten und manches Randständige liefert er beim Glasbläser-Label ECM ab, etwa die niederschmetternd schöne Aufnahme der Sonaten für Violine solo von Eugène Ysaÿe. Und so gilt Thomas Zehetmair als einer der großen Geiger der Gegenwart, dessen Wirkungsnachweise man sich erst zusammensuchen muss. Zehetmairs öffentlicher Nimbus ist auch deshalb begrenzt, weil er oft in die Kammermusik abtaucht. Als Primarius sitzt er dem Zehetmair-Quartett vor, mit dem er sich schon das – für den Geiger horrible – Oboenquartett Isang Yuns draufgeschafft hat. An den Quartett-Proben liebt der Bastler Zehetmair gerade die Arbeit, die Stunden des Balancierens und der musikalischen Mikrochirurgie. Als Zehetmairs Team die Schumann-Quartette vorlegte, erschrak mancher jedoch, wie glühend, fast existenziell diese Musik hier klang. War Schumann nicht, als er sie komponierte, längst der Hausmeister des Gepflegten, Harmonisierenden, der vom irrsinnigen Zauber seiner Klaviermusik und seiner Lieder abgekehrt war? Kein Gedanke daran in dieser intellektuell geschärften und zugleich hoch nervösen Aufnahme.

Aber jetzt ist erst einmal viel Sonne, Mozarts Sonne. Zehetmair kam ihr nahe wie keiner und verbrannte nicht.

Mozart: Violinkonzerte und Sinfonia Concertante

Thomas Zehetmair (Violine), Ruth Kilius (Viola), Orchester des 18. Jahrhunderts, Ltg. Frans Brüggens (Glossa)