Wenn ich wollte, könnte ich ununterbrochen mithilfe moderner Maschinen kommunizieren und Menschen, die ich kaum kenne, inhaltsarme Minitexte senden. Ich brauche aber hin und wieder Zeit zum Nachdenken, ich lese auch ganz gerne mal einen längeren Text. Dazu muss ich mich konzentrieren, ich kann nicht gleichzeitig simsen. Was mich, Twitter betreffend, besonders misstrauisch macht, ist der Hype, also die allgemeine Aufregung. Ein Kenner sagt am Telefon: "Das ist das nächste heiße Ding im Netz! Es wird alles noch schneller!" Wenn irgendwas als "das nächste heiße Ding" gehandelt wird, bedeutet dies mit 90-prozentiger Sicherheit, dass es demnächst den Bach runtergeht, genau wie ein ganz heißer Immobilienfonds. Lernen die Menschen niemals?

Außerdem begreife ich den Kult um die Geschwindigkeit nicht. Beim Essen und beim Sex heißt es, man soll immer schön langsam und gründlich machen – bei der Kommunikation, der schönsten Nebensache der Welt, ist es umgekehrt? Beschleunigung, das ist doch völlig out, das ist doch achtziger Jahre. Sich kurz zu fassen, finde ich dagegen okay, das kenne ich von früher, da sollte man sich in den Telefonzellen immer kurz fassen. Als die Twitter-Erfinder neulich einen Preis bekamen, hielt ihr Sprecher folgende Rede: "Wir würden uns gern in 140 Zeichen oder weniger bedanken. Was wir hiermit getan haben." Das fand ich gut.

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