Neulich las ich, die heutige Welt sei übersexualisiert. Die Jugend leide unter dieser Tatsache. Eine sogenannte unschuldige Jugend sei in der Welt von heute fast unmöglich geworden.

Dann ging ich in die Bestsellerbuchhandlung. Offenbar leidet die Jugend wirklich. Vier der ersten zehn Plätze werden von knallharten Antisexbüchern für Jugendliche besetzt! In diesen vier Romanen geht es über Tausende von Seiten darum, Sexualität zu vermeiden. Das Thema ist also in gewisser Weise gesellschaftskritisch. Die Personen sind dabei – jeder Roman braucht einen Konflikt – an keiner anderen Sache so sehr interessiert wie an Sex. Politik, Kultur, Wirtschaftskrise, das ist ihnen alles egal. Den ganzen Roman hindurch denken sie an nichts anderes als an das eine, es ist wie in Josefine Mutzenbacher oder in Fanny Hill, nur, es passiert nichts. Ob dieser Konflikt tragisch oder komisch ist, weiß ich nicht genau.

"Wenn ich nur daran denke, wie sehr sie mich reizt!" – "Ich muss lernen, mich besser zu beherrschen." – "Vorsicht! Er hat sich nicht in der Gewalt!" So klingt es. Der Junge (17) heißt Edward, das Mädchen (18) heißt Bella Swan, schöner Schwan. Mal wird er fast schwach und tut es beinahe, mal wird der schöne Schwan schwach und fordert, dass er es tut. Sie werden aber nie beide gleichzeitig schwach, sonst wäre der Roman ja zu Ende. Der Junge hat interessanterweise seine Triebe deutlich besser im Griff als das Mädchen. Am Ende heiraten sie.

Alle vier Antisexbücher stammen von Stephenie Meyer, einer 35-jährigen, gut aussehenden und extrem christlichen Person. Stephenie Meyer gehört zur Kirche der Heiligen der Letzten Tage. Mit 21 Jahren hat sie ihren ersten Freund geheiratet, seitdem hat sie drei Kinder geboren. Sie gilt jetzt, wegen ihres großen Erfolges, als neue Joanne K. Rowling. In Deutschland erscheint sie auch im selben Verlag, bei Carlsen. Carlsen hat den perfekten Riecher für den Publikumsgeschmack, falls Carlsen rechtzeitig die Autofirma Opel übernommen hätte, gäbe es kein Opel-Problem.

Die Harry Potter- Bücher handeln im Kern vom Erwachsenwerden, die Zauberei ist unter anderem ein Bild dafür, wie undurchschaubar und voller Wunder einem Kind die Welt erscheint. Stephenie Meyer verwendet für ihr Anliegen das Bild des Vampirismus. Vampire, wenn sie nachts in der Gegend herumsaugen, sind ein gut eingeführtes Symbol für die Gefahren der Sexualität (und ihre Extasen). Edward ist ein Vampir, der nicht beißt, zumindest nicht vor der kirchlichen Trauung. Deswegen enthalten die deutschen Titel seltsame Klammern: Bis(s) zum Morgengrauen, Bis(s) zur Mittagsstunde, Bis(s) zum Abendrot und Bis(s) zum Ende der Nacht.

Bei Anne Rice, in den Achtzigern, waren die Vampire zynische Glamourboys, wie aus der Fernsehserie Miami Vice entsprungen, jetzt sind sie Puritaner und die letzten Romantiker. In Interviews erzählt Stephenie Meyer, dass ihr die Grundidee im Traum gekommen sei, direkt aus dem Verdrängten, würde Doktor Freud sagen. Ich habe, in der Buchhandlung, ein bis(s)chen herumgelesen, die Romane sind einfacher geschrieben als Harry Potter, auf jeder Seite beben die Herzen, in denen sehnsuchtsvoll das heiße Blut pocht. Jungs mögen das bestimmt nicht. Bei der Lektüre sind mir sofort wieder die Partys eingefallen, die wir mit 17, 18 gefeiert haben, Jungshände, die, vorzugsweise bei A Whiter Shade Of Pale, wieder und wieder an Stellen wandern, wo sie nicht hingehören, und die von Mädchenhänden wieder und wieder weggeschoben werden. So beherrschte Jungs wie Edward gibt es, fürchte ich, fast nur im Roman. Nun, dazu ist Literatur ja da.