Für eine Politikerin, deren ganzes Bemühen darauf gerichtet ist, sich nicht angreifbar zu machen, müssen diese Tage verheerend sein. Nie zuvor, seit Angela Merkel im Herbst 2005 Bundeskanzlerin wurde, war sie in einer dramatischeren Lage. Je schärfer sich die ökonomische Krise zuspitzt, desto stärker kommt die Frau unter Druck, die qua Amt für deren Bewältigung zuständig ist. Sie kommt unter Druck, weil trotz aller staatlicher Bemühungen auf lange Zeit keine durchschlagenden Erfolge zu erwarten sind, nur wachsende Unsicherheiten. Sie kommt unter Druck, weil die Rolle der Krisenkanzlerin und die Anforderungen an die CDU-Vorsitzende sich immer stärker widersprechen, lange bevor der Bundestagswahlkampf auch nur begonnen hat. Und sie kommt unter Druck, weil die Loyalität der Partei mit ihrer Vorsitzenden nur so weit reicht, wie sie Erfolg garantiert. Schon die ersten Umfragen, die Zweifel daran nähren, haben die Union in Alarmzustand versetzt.

Auch die Kanzlerin ist alarmiert. Wer sich wie sie auf die Macht und ihre Verteidigung versteht, spürt die prekäre Veränderung. Zeigen tut Angela Merkel das nicht. Wenn sie über die aktuelle Lage spricht, löst sich alles Bedrohliche auf. Niemand beherrscht die Kunst der Entdramatisierung so wie sie. Aber es ändert nichts daran: Die Wirtschaftskrise erreicht die politische Bühne – als Krise der Union und ihrer Kanzlerin.

"Gut, dass es noch sieben Monate bis zur Bundestagswahl sind", sagen Merkel-Freunde in der Partei, wenn sie derzeit nach etwas Positivem gefragt werden. Das soll heißen: Es ist noch Zeit genug, das Blatt zu wenden. Es könnte aber auch bedeuten: Das Schlimmste kommt im Herbst.

Schlimm für die Union ist es schon jetzt. Aus allen Richtungen kommen die Angriffe. Der Koalitionspartner SPD verpflichtet die Kanzlerin auf die Rolle der staatlichen Krisenretterin – und wartet auf jedes Zögern, um Merkel als sozial unzuverlässig vorzuführen. "Opel ist ein systemisches Unternehmen", sagt Franz Müntefering. Das heißt so viel wie: Rettung ist Pflicht, Zaudern Verrat.

Die genau entgegengesetzte Attacke fährt Angela Merkels Wunsch-Koalitionspartner FDP. Die Liberalen sehen die Kanzlerin immer weiter auf sozialistisches Gelände vordringen und kritisieren das schrill. So können sie vom marktwirtschaftlichen Ansehensverlust der Union profitieren. "Bürgerliche Mehrheiten machen keine Enteignungspolitik" – das ist das Salz, das Guido Westerwelle derzeit in die Wunden der Union streut.

Merkels Schwächen und die der CDU lassen sich nur schwer trennen

Aber "Union", was bedeutet das überhaupt, zu Beginn dieses Wahljahres? Ein Dauer-Zerwürfnis. Nach den Steuerstreitereien der vergangenen Monate tritt die CSU nun wieder verstärkt als "Hort des Konservatismus" auf. Die Papst-Schelte der Kanzlerin oder deren mangelnde Unterstützung für die Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach, das sind für die CSU wunderbare Gelegenheiten, um Angela Merkel anzugreifen. Ohne Vorwarnung verlässt die CSU die gemeinsame Gesundheitspolitik. Sie macht nun lieber auf Ärzteprotest. Bei der Begrenzung von Managergehältern paktiert CSU-Chef Horst Seehofer inzwischen mit der SPD. Und Landesgruppenchef Peter Ramsauer droht der CDU mit dem Ende der Zurückhaltung: Welche Zurückhaltung?