Das Historische Archiv der Stadt Köln war im Haus Severinstraße 222–228 untergebracht. Am vorvergangenen Dienstag ist es in eine U-Bahn-Baustelle gestürzt und hat, wie durch ein Wunder, nur zwei Menschen unter sich begraben. Mir gehört das Haus Severinstraße 122. So viel ich weiß, steht es sicher. Aber was bedeutet Sicherheit in einer Straße, in der sich der Kirchturm schief stellt? In einer Stadt, in der Bauarbeiten das historische Gedächtnis auslöschen?

In meinem Haus leben fünf junge Menschen, im Erdgeschoss hat ein Schneider seinen Laden. Die Mieter hatten in den vergangenen Jahren den Lärm und den Dreck zu ertragen, die der Bau der U-Bahn mit sich brachte. Ich hatte den Papierkram, die Sorgen, finanzielle Einbußen. Bald wird die Erfahrung einer Enteignung dazukommen.

Meines Wissens bin ich der einzige Hauseigentümer an der Severinstraße, der den Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB) nicht erlaubt hat, sein Grundstück zu nutzen. Das ist bemerkenswert, weil es in Köln im Moment so klingt, als seien immer schon alle gegen die U-Bahn-Linie gewesen, besonders die Anlieger. Tatsächlich haben die Hauseigentümer allesamt mit den KVB Gestattungsverträge geschlossen.

Ohne die Zustimmung der Eigentümer kann so eine U-Bahn nicht gebaut werden, denn die beiden Tunnel verlaufen teils unterhalb von Privatgrundstücken. Zum Glück tief: im Fall meines Hauses 19 Meter unter dem Erdgeschoss. Kaum ein Hausbesitzer weiß, dass er da unten noch etwas zu melden hat, aber es ist so. Andererseits sind die Mieten im Erdreich niedrig. 860 Euro Entschädigung boten mir die KVB für die ewige Nutzung.

Ich habe abgelehnt, die Summe schien mir zu niedrig angesichts der Belastung. Außerdem hatte ich da schon schlechte Erfahrungen mit den KVB gemacht. Untertunnelt wurde ich dann trotzdem.

Einige Wochen bevor der Bohrer Anfang 2007 mein Grundstück erreichte, betrieben die KVB bei der Bezirksregierung meine Enteignung. Für ein förmliches Verfahren fehlte die Zeit, darüber wäre die Maschine zum Stillstand gekommen, und das hätte pro Tag 100.000 Euro gekostet. Daher beantragten die KVB die "vorzeitige Besitzeinweisung", die der Enteignung vorausgeht, und bekamen sie auch. Die U-Bahn-Linie liege im öffentlichen Interesse, befand die Bezirksregierung, es handele sich um ein "dringend benötigtes Infrastrukturprojekt".

Geplant wird die Linie seit den 1960er Jahren. 1992 wurde der Streckenverlauf beschlossen, 2002 kam der Planfeststellungsbeschluss. Im Januar 2004 gingen die Bauarbeiten los. Als drei Jahre später der Bohrer bei uns ankam, hat das Haus kaum vibriert. Es dauerte keine 24 Stunden, da war die Maschine durch und die Röhre gebaut. Ein Messtrupp achtete darauf, ob sich das Haus bewegte. Vorher war jeder kleine Riss an Außen- und Innenwänden von Sachverständigen vermessen, fotografiert und protokolliert ("vertikal verlaufende Tapetenauffaltung von 0,1 mm") worden. Kein Hausbesitzer sollte später auf die Idee kommen, den KVB seine Altschäden unterzujubeln.