Man sieht kaum etwas von der Parallelwelt unter unseren Füßen, das macht sie so unheimlich. Im Untergrund hat sich ein dichtes Netz von Kanälen, Tunneln und Geheimgängen ausgebreitet. Nur Katastrophen wie jetzt in Köln rücken die Unterstädte in den Blickpunkt. Nur wenn der Boden einbricht, bemerken wir, dass er immer weiter ausgehöhlt wird. Bohrer schlagen sogar Schneisen unter dicht bebauten Wohnvierteln. Je tiefer die Gebäude gründen, desto komplizierter gestaltet sich der Tunnelbau. In Tokyo unterqueren mehrstöckige Straßentunnel die Wolkenkratzer in 40 Meter Tiefe, die U-Bahn in Moskau verkehrt sogar 50 Meter unter der Erde.

Das Wagnis der Erschließung solcher Strecken wird gern verdrängt. In städtischer Enge ist die Erkundung des Bodens nur schwer möglich. Einen direkten Einblick erlauben einzig Stichbohrungen: Mit Meißeln bewehrte Rohre schälen zentimeterdünne Erdstangen aus dem Untergrund. Geologen untersuchen beispielsweise Festigkeit und Wassergehalt des erbohrten Materials. Doch die punktuellen Einblicke gleichen Nadelstichen, der Großteil des Bodens bleibt im Dunkeln. Zwar liefern auch Schallwellen und Magnetfelder, die ins Erdinnere geschickt werden, ein grobes Bild des Untergrunds (siehe "Loch durch die Alpen"). Doch im Wesentlichen gilt nach wie vor die alte Bergmannsweisheit: "Vor der Hacke ist es duster".

Immerhin verhindert neue Technologie beim Tunnelbau manch böse Überraschung. Ferngesteuerte Bohrer graben sowohl zehn Zentimeter dünne Löcher für Telefonleitungen als auch 15 Meter dicke Schneisen für Autotrassen. Mittels Schallwellen kundschaften die Geräte das vor ihnen liegende Erdreich aus. Doch auch modernste Maschinen sind nicht gefeit vor Überraschungen. Manchmal stoßen sie ohne Vorwarnung auf gefährliche Hindernisse wie Grundwasser, Felsen oder Bunker.

Im Mittelalter begann die Durchlöcherung der Großstädte mit dem Bau von Kanalisationen. Heute liegen 1,4 Milliarden Kilometer Abwasserleitungen unter Deutschland – genug, um die Erde 35.000-mal zu umrunden. Das Phantom der Oper und der Dritte Mann erzählen gruselige Geschichten aus den weitläufigen Abwassertunneln von Paris und Wien. Allmählich breiteten sich im Boden auch U-Bahn-Schächte, Wasserrohre, Strom- und Telefonleitungen aus.

Nicht immer allerdings erwies sich der Tiefbau als gut geplant, in Berlin etwa gibt es noch schätzungsweise 70 blinde Tunnel. In Wien blockieren 15 Meter tiefe Keller den Bau von U-Bahnen. Die Verliese dort sind untereinander mit Gängen verbunden; es sind Fluchtwege aus der Zeit der Türken-Belagerung im 16. Jahrhundert. Um Großstädte unterirdisch zu vernetzen, mussten oft auch Grundwasserschichten durchquert und Bunker zerstört werden. Noch heute liegen mehrere Hundert Bunker im Berliner Boden. Unter Köln stoßen Tiefbauer auf ein weitverzweigtes Labyrinth römischer Gewölbe.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurde es eng unter den Innenstädten. Es galt, den knapper werdenden Raum in den Oberstädten nicht vollends zuzubauen. Als Folge des Platzmangels sehen Autofahrer Großstädte zunehmend von unten. Außerhalb der Metropolen werden sie in Tunnel geleitet und tauchen im Zentrum wieder auf. Tausende weitere Tunnelkilometer planen die Europäer. Der Boden wird immer poröser.

Auch Parkplätze, Bahnhöfe, Lagerräume, Kinos, Theater und Einkaufszentren füllen den Untergrund. Die Innenstadt von Montreal liegt großteils unter der Erde. In Berlin wurden Teile um den Potsdamer Platz unter die Erdoberfläche gebaut. Die Versorgung des Quartiers verläuft ebenfalls unterirdisch über vierstöckige Zulieferstraßen, riesige Lagerhallen und ein Umspannwerk, das wegen des hohen Stromverbrauchs des neuen Bezirks groß geplant und daher eigens in den Untergrund gelegt werden musste. 113 Kilometer lang sind allein die Stromkabel für den Stadtteil.