Seine Propellermaschine, sagt Axel Börsch-Supan, fliege noch am Nachmittag. Dann muss er am Berliner Flughafen Tegel sein, die Zeit für ein Gespräch ist knapp. Eben hat der Volkswirt seine Kollegen im Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) mit ihren Sorgen wegen der Finanzkrise alleingelassen, damit die Zeit für ein Interview reicht – und für einen schnellen Lunch in der Brauerei gegenüber dem Charlottenburger Schloss. Zwölfstundentag hin oder her: Essen muss auch er.

Der Mann ist ein Energiebündel. Obwohl körperlich nicht besonders groß, ist er unübersehbar. Gefragt ist Börsch-Supans Expertise nicht nur im BMWi. Er hat auch die Ministerien für Familie und Bauwesen beraten, außerdem McKinsey, die OECD und die Weltbank. Bis vor ein paar Wochen wurde er noch als Nachfolger von Bert Rürup als Vorsitzender der "Wirtschaftsweisen" gehandelt – daraus wurde nichts, weil er seine eigene wissenschaftliche Arbeit am Mannheimer Forschungsinstitut für Ökonomie und demographischen Wandel nicht dafür aufgeben wollte.

Börsch-Supans Erfolg gründet sich auf Mut mit einem Schuss Dickköpfigkeit. Er hat sich mit dem Einfluss der alternden Bevölkerung auf die Sozialsysteme schon beschäftigt, als das noch ein ökonomisches Nischenthema war. "Die haben mich ausgelacht", sagt der Ökonom heute über die Reaktion seiner Kollegen. Doch er blieb dran – und irgendwann dämmerte auch den Deutschen, wie wichtig das Thema ist.

Als die jüngste Demografiedebatte eine Welle der Angst durch die Medien spülte und der Zusammenbruch des Renten- und Gesundheitssystems an die Wand gemalt wurde, war Börsch-Supan zur Stelle. Allerdings nicht mit Untergangsszenarien. Auch heute noch "predige" er immer wieder: "Man kann sich dem demografischen Wandel geschickt anpassen. Man muss es nur tun."

Während auf dem Teller vor ihm die Wurst kalt wird, redet sich der Ökonom in Fahrt. Seine Idee: intelligente Sozialsysteme auf Basis wissenschaftlicher Formeln, die sich automatisch der Bevölkerungsstruktur anpassen – und nicht den je nach Koalitionsarithmetik wechselnden politischen Meinungen. Für die Rente ist Börsch-Supans Konzept schon teilweise umgesetzt: durch den "Nachhaltigkeitsfaktor" in der geltenden Rentenformel, den er mit entwickelt hat. Doch das reicht ihm noch nicht, er hätte am liebsten auch eine solche Formel für das Pensionsalter. Die Mathematik sagt ihm: Wenn der Anteil der Arbeitsjahre an der Lebenszeit gleich bliebe, würde das Rentensystem nicht zusammenbrechen. Wie schwer das durchsetzbar ist, hat die Debatte um die Rente mit 67 gezeigt. In der Diskussion, sagt Börsch-Supan, werde den Menschen immer suggeriert, dass die Anhebung des Rentenalters ihnen zwei Jahre Lebenszeit wegnehme. Dabei würden sie im Jahr 2029 – so lange dauert es, bis die Rente mit 67 wirksam ist – mindestens drei Jahre länger leben als heute. Unterm Strich bliebe also ein Gewinn von einem Jahr Ruhestand.