Wie jeden Morgen hat Klaus Franz eine Tasse schwarzen Tee mit Süßstoff getrunken, eine Scheibe Brot gegessen und zwei Tabletten geschluckt: Vitamin C und Magnesium-Calcium.

Er könnte jetzt im Flieger nach Berlin sitzen. Stattdessen lässt sich der Opel-Betriebsratschef in den Fahrersitz seines schwarzen Insignia fallen. Bevor er losfährt, schaltet er den Blackberry ein. An der ersten Ampel lädt er seine Mails runter, an der zweiten Ampel wirft er einen Blick auf die Schlagzeilen. Ärger. Darüber, was die Medien wieder schreiben. Über das, was die Opel-Manager angeblich verbrockt haben. Wie viele Kündigungen anstünden. Es nimmt einfach kein Ende.

Franz fährt auf das Rüsselsheimer Werksgelände, stellt den Wagen ab, nimmt die Treppe hoch in den zweiten Stock des Betriebsratsgebäudes, setzt sich an den Computer. Dann schreibt er sich in einer Mitteilung an Presse und Belegschaft "meinen Zorn vom Leib", wie er sagt.

Es ist der Freitag der vergangenen Woche, und in der Hauptstadt holt sich das um Staatshilfe bettelnde General-Motors-Führungstrio Fritz Henderson, Carl-Peter Forster und Hans Demant bei der Bundeskanzlerin einen Dämpfer ab. Ohne Klaus Franz. Der "heimliche Boss von Opel" (Handelsblatt) , "Mr Opel" (Süddeutsche Zeitung), der "Co-Manager" (Frankfurter Allgemeine) – er fehlt auf den Bildern, die am Ende des Tages die vorläufige Niederlage von Opel symbolisieren.

"Die Autoindustrie ist die Herz-Lungen-Maschine der Realwirtschaft"

"Wenn ich gewollt hätte, hätte ich natürlich auch heute dabei sein können", sagt Franz. Und dann fügt er hinzu: "Eine Bauchentscheidung. Das war gut und richtig." Zu einer guten Selbstinszenierung gehört, sich auch einmal rarzumachen.

Vorher war Klaus Franz wie selbstverständlich bei allen Spitzentreffen dabei gewesen, bei den Gipfeln mit den Ministerpräsidenten, beim Vorsprechen vor dem neuen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Er war es, der im November den Termin der Unternehmensspitze bei der Kanzlerin einfädelte, als Opel das erste Mal um staatliche Hilfe nachsuchte. Zumindest sagt er das. Und es passt zu Franz, dass er im nächsten Satz erzählt, diesen Termin bei der CDU-Kanzlerin dank eines SPD-Politikers bekommen zu haben: Hans Eichel, früher Ministerpräsident von Hessen.

Der Co-Manager Klaus Franz, der auch Vizechef des Opel-Aufsichtsrats ist, bewegt sich seit Wochen zwischen den Welten. Es ist ein ständiger Grenzgang. Er darf sich nicht gemeinmachen mit den Machern, darf nicht neben ihnen stehen, wenn sie den Arbeitsplatz derer opfern wollen, die der Betriebsrat Franz vertritt. Aber auf der anderen Seite braucht er die Macht des Entscheiders, um sein Ziel durchzusetzen: die Unabhängigkeit eines europäischen Opelkonzerns. Immer wieder betet Franz auf allen Kanälen sein Mantra herunter: Opel sei wettbewerbsfähig, schuld an der Misere sei vor allem, dass man sich seine Eltern nicht aussuchen könne.