Als der Anhänger des Treckers umstürzt, sitzt der Achtjährige ganz oben auf der Ladung Kies. Sein linkes Bein wird zerquetscht zwischen Ladekante und Erdboden. Eineinhalb Stunden dauert es, bis ein Kran den Jungen befreit. Dass er nicht verblutet, ist das erste Wunder im Leben des Sven Zarling. Sein Bein wird oberhalb des Knies amputiert. Heute joggt der inzwischen 36 Jahre alte Zarling gern mit Freunden, auch über Feldwege. Das ist das zweite Wunder: Zarling führt ein ziemlich normales Leben. Er hat zwei Beine, das eine ist künstlich. Und er arbeitet als Orthopädietechniker im Unternehmen Otto Bock daran, dass die Prothese immer noch ein bisschen besser wird. Er hat aus seinem Handicap seinen Job gemacht. Menschen zu helfen, das sei ihm wichtig, sagt Zarling. Seine Arbeit in der Entwicklungsabteilung sei für ihn "eine Spielwiese", erklärt er, "es ist alles vorhanden für perfekte Bauteile. Man muss sie nur noch bauen."

Zarlings Kunstbein ragt metallisch glänzend aus der hochgekrempelten Jogginghose, unten verschwindet die Konstruktion im Turnschuh. Aus Karbon und Titan ist die C-Leg genannte Prothese, Mikrosensoren messen 50-mal pro Sekunde Beugewinkel und Belastung des Kunstfußes, ein elektronisches Kleinhirn im Kniegelenk steuert die Hydraulik. Rund 23000 Euro kostet das Ersatzbein.

Seit 1990 hat sich die Zahl der Mitarbeiter verdreifacht

"In einem börsenorientierten Unternehmen hätte das C-Leg keine Chance gehabt", behauptet Hans Georg Näder, der Chef des Unternehmens Otto Bock und Enkel des Gründers. Weil es wirklich neu war, als es vor zehn Jahren auf den Markt kam, und damit ein Risiko, das nicht passt zur Kurzfristorientierung von Quartalsberichten. "Da musste man einfach einen mutigen Wurf über den Berg machen", sagt Näder. Er denkt langfristig; die Firma gibt es seit 90 Jahren. Sie ist für Näder "kein Investment, sie ist mein Leben". Das könnte nun so ein PR-Spruch sein, aber Näder ist kein PR-Typ – statt Gelfrisur trägt er Wuschelhaar, statt zu dröhnen, spricht er ruhig und unprätentiös.

Die Firma ist einer jener Mittelständler, die lange Zeit wenig bekannt waren – aber Erfolg haben. Und zwar auf Dauer. Bei Prothesen ist Otto Bock aus dem niedersächsischen Städtchen Duderstadt Weltmarktführer. Seit Näder 1990 mit damals 28 Jahren die Geschäftsführung von seinem Vater übernahm, hat sich die Mitarbeiterzahl fast verdreifacht, der Umsatz vervierfacht. 582 Millionen Euro betrug er im vergangenen Jahr, 86 Millionen der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen.

Schon 1919 gründete Otto Bock in Berlin seine Firma für die Serienproduktion von Holzbeinen, um die vielen Kriegsversehrten zu versorgen. Bald zog er in seine thüringische Heimat Königsee. Im Zweiten Weltkrieg beschäftigte Otto Bock – wie viele andere Unternehmer auch – zeitweise Zwangsarbeiter; unter russischer Besatzung wurde er enteignet. Auf der anderen Seite der Zonengrenze baute Bocks Schwiegersohn Max Näder die Firma neu auf. Als die DDR fiel, kaufte Näder junior das Werk in Königsee zurück. Nicht aus Nostalgie: Die Firma setzt auch hier auf das Prinzip Dauerhaftigkeit. Sie bleibt, wo sie ist; und kommt wieder, wo sie mal war. In diesem Juni auch nach Berlin, wo Otto Bock nahe dem Potsdamer Platz einen Neubau eröffnet, eine spektakuläre Mischung aus Schaufenster, Konferenz- sowie Ausstellungsräumen.

"Wir wollen den Blick auf Behinderung ändern", sagt Näder. Deshalb unterstützten seine Techniker die Paralympics in Peking, deshalb plakatiert die Firma coole Menschen mit künstlichen Gliedmaßen. Keine Agentur hat sich das ausgedacht, es ist Näders Sicht. Er will weg von der Mitleidsperspektive. Natürlich im Interesse der Firma, wie er betont. Statt des Vertriebs nur über Orthopädiefachleute will er direkt an die Normalverbraucher ran.