Das Schlusswort ist so legendär wie sonderbar. Wie eine verschleierte Dissonanz, ein verminderter Septakkord flimmert es am Ende eines Jahrhundertromans. Dem Doktor Faustus nämlich hängte Thomas Mann die Bemerkung an, die vom Romanhelden entwickelte Zwölftontechnik sei "in Wahrheit das geistige Eigentum eines zeitgenössischen Komponisten und Theoretikers, Arnold Schoenbergs". So wird es bis heute gedruckt; seltsam überflüssig war die Bemerkung schon damals. 1947, als der Roman erschien, befand sich Schönberg im Zenit seines Ruhmes. Fürchtete er, die Nachwelt könnte die Zwölftonmethode für eine Erfindung des Romanciers halten?

Die konfliktreiche Annäherung der beiden Männer begann, lange ehe Thomas Mann sich den Tonsetzer Leverkühn ausdachte, ein Genie, das sich im 20. Jahrhundert mit dem Bösen einlässt. Beim ersten Briefwechsel der beiden fast gleichaltrigen Emigranten, nachzulesen in der neuen Dokumentation Apropos Doktor Faustus, ging es nicht um Musik, sondern um das Schicksal der Juden. Kaum jemand war bei diesem Thema so hellsichtig wie Arnold Schönberg. Er hatte schon 1923 antisemitische Gewalttaten vorausgesehen und emigrierte nur wenige Monate nach Hitlers Machtergreifung in die USA.

1938 schreibt er an Thomas Mann einen Brief, von Los Angeles nach Princeton, er bittet ihn um Hilfe bei der Publikation eines Vier-Punkte-Programms für das Judentum. "Werden sie ausgelöscht werden?", fragt er mit Blick auf die Juden in Europa. "Wo gibt es Raum in der Welt für nahezu sieben Millionen Menschen?" Schönbergs Vorschläge, jetzt erstmals auf Deutsch zu lesen, sind radikal. Für die Gründung eines jüdischen Staates empfiehlt er eine Diktatur, wie er sie selbst in seinem "Verein für musikalische Privataufführungen" ausgeübt habe. Thomas Mann reagiert verhalten. Die "geistige Gesamthaltung, die ja ohne Zweifel ein wenig ins Fascistische fällt", halte er für "menschlich begreiflich" als "Reaktion auf so brutalen Druck", aber er empfehle die Überarbeitung.

Persönlich begegnen sich die beiden erst 1940 bei einer Soiree, als der Schriftsteller ebenfalls nach Los Angeles gezogen ist. Schönbergs Artikel spielt keine Rolle mehr – dafür wird der Komponist jetzt als mögliches Modell für Mann interessant. In sein Tagebuch schreibt der am 8. Mai 1943: "Es trifft sich gut, dass er selbst auf Verkehr der Häuser dringt." Es ist ein Katzensprung vom San Remo Drive zur North Rockingham Avenue, wo es die Manns nur nervt, dass man bei Schönbergs nicht rauchen darf…

Ähnlich gut trifft es sich, dass nun auch Theodor Wiesengrund Adorno die Pazifikküste erreicht hat, im Gepäck seine brisante Philosophie der neuen Musik. Darin nimmt er die Lehre Schönbergs auseinander. Mann liest es und entdeckt "die eigentümlichste Affinität zur Idee meines Werkes". Adorno wird sein Berater und Zulieferer. "Das Variieren", hatte er über die Zwölftonreihen geschrieben, "wird ins Material zurückverlegt und präformiert es, ehe die Komposition eigentlich anhebt." Im Doktor Faustus wird daraus: "…die Produktivität der Variation, die man das eigentliche Komponieren nennen könnte, wäre ins Material zurückverlegt – samt der Freiheit des Komponisten."