Er war ein Senkrechtstarter, der sich blitzschnell nach oben katapultierte, da war er keine dreißig. Dass es mit ihm dreißig Jahre später im gleichen Tempo rasant abwärts gehen würde, ahnte keiner. Denn anfangs standen dem jungen Mann, der ursprünglich Grundschullehrer hatte werden wollen, alle Türen offen. Und er nutzte seine Chancen. Hochbegabt, rhetorisch bewandert, mit unkonventionellen Ideen, die er im Klartext unters Volk zu bringen wusste – so einer kommt gut an. Zudem hatte er die Zeichen der Zeit erkannt und im passenden Moment die Lager gewechselt. Wer also sollte ihn aufhalten, wenn nicht er sich selbst?

Zuerst, wie gesagt, ging der Sohn aus einfachen Verhältnissen seinen Weg – oder sollte man sagen, dass er ihn rannte? Natürlich brauchte er dazu Freunde, Familie im Hintergrund, aber im Grunde war er Einzelkämpfer: ruhelos, ehrgeizig – charismatisch. Seine fast soldatische Kämpfernatur hatte er sich als Kind erworben. "Mein Vater war Sattler und Polsterer, aber die Bauern schafften die Pferde ab, die Leute kauften ihre Sofas … nicht mehr vom Handwerker. … Ich habe mit meinen zwei jüngeren Brüdern in den Schulferien Schweineställe ausgemistet … Rüben gesteckt, Schokoladendosen gefüllt, damit wir hinkamen."

Und dann war der Vater auch noch Hobby-Boxer gewesen, eine Herausforderung: "Ich trainierte heimlich, ein halbes Jahr lang ... vor meinem ersten öffentlichen Kampf habe ich meinen Vater gefragt: ›Hast du morgen schon was vor?‹ Der fiel aus allen Wolken." In einem Interview verriet er später, durch den Sport habe er überlebenswichtige Tugenden erlernt, etwa Teamwork beim Fußball und "beim Boxen gehört dazu, dass man nach einem Niederschlag wieder aufsteht, sich berappelt" … "Man muss nur hochkommen wollen."

Kein Wunder, dass es ihm gefiel, wenn er immer wieder als "Stehaufmännchen" gewürdigt wurde, als "Phönix aus der Asche".

Und doch muss dem Kämpfer eines Tages im Sinne des Wortes der Boden unter den Füßen abhanden gekommen sein. Ziemlich angeschlagen wirkte er zuletzt; auch sagte man ihm dubiose Kontakte und Machenschaften nach. Was auch immer daran war: Auf jeden Fall hatte er sich allzu weit in brenzlige Gefilde vorgewagt. Ikarus im Feindesland, nun stand er auf einmal nur noch am Rand, ein Albtraum für einen, der Beifall und Publikum braucht wie die Luft zum Atmen.

Und so gab das Auf und Ab seines Lebenswegs Anlass zu jeder Menge philosophischer Betrachtungen: über Macht und Intrige, über Aufstieg und steilen Fall, Schein und Sein, vor allem aber über seelische Schäden unter Seinesgleichen. Und nicht wenige wähnten sich in einer Art modernem Shakespeare-Königsdrama.

"Wenn man einen Punkt erreicht, an dem es nicht mehr geht, muss man sich auch verabschieden können", hatte er noch kurz vor Schluss gesagt, ungewohnt leise. Wer war's?